50 Jahre Tor des Monats: Sportschau-Moderator Ernst Huberty (Mitte) und seine Mitarbeiter sichten im April 1971 beim WDR in Köln rund 250.000 Zuschriften zur Wahl des „Tor des Monats“.
+
50 Jahre Tor des Monats: Sportschau-Moderator Ernst Huberty (Mitte) und seine Mitarbeiter sichten im April 1971 beim WDR in Köln rund 250.000 Zuschriften zur Wahl des „Tor des Monats“.

Erster Amateur-Titelträger

50 Jahre „Tor des Monats“: Klaus Mehler aus Tann schlägt im Juni 1980 EM-Torschütze Horst Hrubesch

  • Johannes Götze
    vonJohannes Götze
    schließen

Das „Tor des Monats“ ist eine Institution – und gehört zur Fußballkultur Deutschlands. Am Sonntag feiert die monatliche Abstimmung der ARD ihren 50. Geburtstag. Dem Rhöner Klaus Mehler gelang ein historischer Treffer: Er war der erste Amateur, der ein „Tor des Monats“ erzielte.

Tann - Das Kalenderblatt des  8. Juni 1980 weist wenig Weltbewegendes aus: In Berlin geht der Katholikentag zu Ende, der Deutsche Fußball-Bund beschließt die eingleisige Zweite Liga und der autofreie Sonntag findet kaum Beachtung. Doch für Klaus Mehler (60) aus Tann im Landkreis Fulda bleibt der Tag unvergessen.

In Frankfurt-Kalbach treffen die Spvgg. Fechenheim und die DJK Bad Homburg aufeinander. Beide Teams haben die Saison punktgleich abgeschlossen und ermitteln nun in einem Entscheidungsspiel auf neutralem Platz den Aufsteiger in die Bezirksklasse. Bad Homburg ist favorisiert, doch kurz nach der Pause erzielt Klaus Mehler die Führung für Fechenheim.

Tor des Monats im Juni 1980: Klaus Mehler aus Tann nickt mit dem dritten Kopfball am Stück ein

Torwart Uwe Schröder hat den Ball abgeschlagen, Uwe Jung gewinnt im Mittelfeld ein Kopfballduell, Detlef Jerger verlängert abermals per Kopf und Mehler nickt im Strafraum stehend ein. Der Ball hatte vom Abschlag bis zum Einschlag den Boden nicht berührt, die drei Kopfbälle am Stück machten das Tor so besonders. Für Fechenheim war das Tor die Initialzündung, Mehler trifft kurz darauf zum 2:0, das Spiel endet 4:0. (Lesen Sie hier: Fußballer Louis Schaub aus Fulda begeistert die Fans des FC Luzern - Straßenfußballer mit linkem Zauberfuß)

Klaus Mehler aus Tann hat im Juni 1980 den Treffer erzielt, den die ARD als „Tor des Monats“ ausgezeichnet hat.

„Dass das 1:0 kein Treffer von der Stange war, hat niemand wahrgenommen, selbst ich nicht – obwohl es natürlich mein denkwürdigstes Tor war“, sagt Mehler heute. Erst zehn Tage später meldet sich hr-Sportreporter Holger Obermann bei den Fechenheimern. Er habe das Tor gesehen und wolle sich dafür einsetzen, dass es für „Tor des Monats“ nominiert werde.

Ernst Huberty, Moderatoren-Legende des WDR und in der Sportschau verantwortlich für das „Tor des Monats“, lehnt ab. Doch Obermann bleibt hartnäckig, und so findet Mehlers Kopfballtreffer sich in einer äußerst illustren Runde wieder.

Zur Person

15 Jahre war Klaus Mehler alt, da wollte Eintracht Frankfurt den Stürmer des SV Tann verpflichten. Er absolvierte jedoch eine Ausbildung bei Tegut und vollzog den Wechsel erst zwei Jahre später, um sein letztes A-Jugend-Jahr am Main zu spielen.

Mangels Aussicht auf einen Profivertrag schloss sich Mehler für zwei Jahre Fechenheim an. Danach lockte erneut die Eintracht, doch geplagt von Verletzungen blieb ihm der Sprung ins Bundesliga-Team verwehrt.

Fortan spielte er auf höchstem Amateurniveau: In der drittklassigen Oberliga lief er für Erbach und den FSV Frankfurt auf – schoss Tor um Tor. Einmal kehrte er nach Osthessen zurück, erzielte 84/85 für Borussia Fulda 20 Tore. Mit 28 Jahren beendete er seine Laufbahn. Heute lebt er wieder in Tann.

Denn der Juni 1980 ist EM-Monat. Deutschland gewinnt den Titel, und Mehlers Konkurrenz trägt das Nationaltrikot: Horst Hrubesch und die Allofs-Brüder Klaus und Thomas gilt es hinter sich zu lassen. Mit Erfolg. Damals stimmen die Zuschauer per Postkarte ab und die Fechenheimer-Co-Produktion gewinnt vor Hrubeschs 2:1-Siegtreffer im EM-Finale gegen Belgien.

Tor des Monats im Juni 1980: Klaus Mehler siegt gegen EM-Torschütze Horst Hrubesch

Dass das Tor in Kalbach überhaupt gefilmt wird, ist einem findigen Herrn zu verdanken. Robert Parisson ist zu jener Zeit so etwas wie ein moderner Scout: Mit eigener Kamera bewaffnet, nimmt er etwa für Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt oder die Handballer des TV Großwallstadt Spiele der nächsten Gegner auf oder fahndet nach Talenten. Letzteres ist an jenem Sonntagnachmittag in Kalbach sein Ziel. Und die Aufnahmen nutzt er, um beim hr-Fernsehen für Mehlers einmaliges Tor zu werben.

Video: 50 Jahre Tor des Monats - Bärbel Wohlleben schießt 1974 als erste Frau das Tor des Monats

Kaum nominiert, rühren die Fechenheimer die Werbetrommel. Mehler lässt Kontakte zur „Bild“-Zeitung und zu FR-Redakteur Harald Stenger, dem späteren DFB-Pressesprecher, spielen. Wie wild füllen längst nicht nur Frankfurter Postkarten aus. Ein paar Wochen später erfolgt der Anruf. In die Sportschau werden alle vier am Tor des Monats beteiligten Fechenheimer eingeladen, Mehler erhält den Preis. Eine Münze. Damals noch aus echtem Gold. Heute ist sie das nicht mehr.

Dank des Erfolgs im Juni 1980 stand das Fechenheimer Quartett auch zur Wahl zum „Tor des Jahres“. 186.531 Menschen stimmten für Mehler ab – das brachte ihm hinter Karl-Heinz Rummenigge, Hansi Müller und nochmals Rummenigge Rang vier.

Weitere Schützen zum „Tor des Monats“ aus der Region

Sebastian Kehl

Für den Lahrbacher Sebastian Kehl (41) war es seit seiner Jugend ein Traum, einmal das Tor des Monats zu erzielen. „Schon als kleiner Junge habe ich die Auslosung begeistert vor dem Fernsehen verfolgt“, erzählt der langjährige Kapitän von Borussia Dortmund. „Dass ich es dann tatsächlich selbst geschafft habe, war schon etwas ganz Besonderes.“

Erzielt hat Kehl sein Tor des Monats am 21. Juli 2012 im Bundesliga-Vorbereitungsspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Die Franken gewannen zwar mit 4:2. Kehl traf aber bereits in der 15. Spielminute mit einem satten Schuss von der Strafraumkante in den Winkel zur 1:0-Führung für den BVB. „Ich habe in meiner Karriere nicht ganz so viele Traumtore erzielt“, blickt Kehl zurück: „Deshalb kann ich mich noch gut an dieses Tor erinnern.“ Die Übergabe der ersehnten Medaille fand damals auf dem Trainingsgelände in Dortmund statt.

Louis Schaub

„Ausverkauftes Haus, 8:1-Sieg, ein fantastischer Tag, den ich niemals vergessen werde“, sagt Louis Schaub. Er erinnert sich an sein „Tor des Monats“ im November 2018. Schaub lieferte gegen Dynamo Dresden eine fabelhafte Partie ab. Der „Kicker“ wählte den mittlerweile 26-Jährigen zum Spieler des Spiels, gab ihm eine glatte Eins. Erst bereitete Schaub zwei Tore vor, dann zirkelte er den Ball selbst aus 16 Metern genau ins Kreuzeck.

Das „Tor des Monats“ hatte Schaub schon als kleiner Bub in seiner österreichischen Heimat verfolgt. „Und vielleicht sogar davon geträumt, es selbst einmal zu erzielen. Die Münze, die ihm seinerzeit seine Mannschaftskollegen auf einem Weihnachtsmarkt überreichten, hat mittlerweile einen Ehrenplatz in seiner Wohnung in Österreich gefunden. Er selbst spielt derzeit für den FC Luzern.

Mehr als 1,7 Millionen Postkarten waren ausgefüllt worden. Werte, die die Abstimmung längst nicht mehr erreicht. Heute, 50 Jahre nach dem ersten Tor des Monats, stimmen immerhin noch jeden Monat mehr als 100.000 Menschen ab. Karten müssen freilich keine mehr geschrieben werden. Und Amateurspiele werden mittlerweile regelmäßig aufgezeichnet. Damals nicht: Mehler war der erste Amateur überhaupt, der das Tor des Monats erzielte.

Am Sonntag strahlt die ARD um 18 Uhr eine Sondersendung zu „50 Jahren Tor des Monats“ aus, in der der Tanner Klaus Mehler „sein“ goldenes Tor mit den alten Weggefährten nachspielt und zu Wort kommt.

Das könnte Sie auch interessieren