Handy am Steuer: Auch in Osthessen ein gefährliches Massenphänomen

13. Oktober 2016
Region

Trotz irrsinniger Unfallgefahr nehmen Autofahrer ihr Handy auf Autobahnen doppelt so häufig in die Hand wie im Stadtverkehr. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Studien der Technischen Universität Braunschweig. Die Untersuchungen decken sich mit den Erfahrungen der Polizei in Osthessen.

Von unserem Redaktionsmitglied Philipp Stepputtis

Der Autofahrer blickt nur kurz aufs Handy, um in WhatsApp zu schauen. Schon ist es geschehen: Der Vordermann bremst, der Autofahrer reagiert zu spät und kracht ins Heck des Anderen. Solche Unfälle sind auf Deutschlands Straßen keine Seltenheit.

Verkehrspsychologen schlagen Alarm: Sie machten bei ihren jüngsten Beobachtungen Tippen auf dem Handy als häufigste Nebenbeschäftigung von Autobahnfahrern aus. 5,8 Prozent aller Fahrer waren durch Tippen abgelenkt, weitere 1,5 Prozent hielten das Handy ans Ohr. Damit nutzen auf Autobahnen doppelt so viele Fahrer ihr Handy vorschriftswidrig wie im Stadtverkehr. Dort tippten 2,3 Prozent und 1,4 Prozent telefonierten.

Die Wissenschaftler der TU Braunschweig hatten im Frühjahr das Verhalten von 2022 Autofahrern auf der A2 zwischen Hannover und Helmstedt dokumentiert. Dafür fuhren sie neben den Fahrern her. Im selben Zeitraum beobachteten sie 2966 Autofahrer im Stadtverkehr von Braunschweig.

Irrsinnig gefährlich: Kurzer Blick aufs Handy bedeutet oft 100 Meter Blindfahrt

Studienleiter Prof. Mark Vollrath sieht in der Handynutzung eine Ursache für viele Auffahrunfälle auf Autobahnen. „Das ist die stärkste Form der Ablenkung: Eine Hand weg vom Lenkrad und insbesondere den Blick weg von der Straße – und das häufig erstaunlich lange. Bei den hohen Geschwindigkeiten auf den Autobahnen fährt man da schnell 50 oder 100 Meter blind.“

Wer mit Handy am Steuer erwischt wird, muss 60 Euro Bußgeld zahlen und kassiert einen Punkt beim Flensburger Kraftfahrtbundesamt.„Die Untersuchungsergebnisse decken sich mit den alltäglichen Erfahrungen der Kollegen und unseren eigenen Messungen“, sagt Martin Schäfer, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Osthessen, auf Anfrage von fuldaerzeitung.de.

„Unsere Messungen mit Laserpistolen ergeben sogar, dass bis zu 50 Prozent der Lkw-Fahrer auf den Autobahnen ihr Handy vorschriftswidrig am Steuer nutzen.“ Laut Polizei gibt es keine genauen Statistiken zu den Unfällen in Osthessen aufgrund von Handyablenkung, da dies nicht separat als Unfallursache in Unfallprotokollen erfasst wird. „Es handelt sich aber um ein Massenphänomen“, weiß Schäfer.

„Ablenkung durch Handys nimmt zu“

„Das Ergebnis der Studie überrascht bei den Experten niemanden“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Abteilung Unfallforschung vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. „Die Ablenkung durch Handys nimmt zu. Die Fahrer denken, dass die Handynutzung auf der Autobahn bei freier Strecke ein vergleichsweise geringes Risiko darstellt.“

Brockmann sieht die Braunschweiger Beobachtungsstudie aber durchaus kritisch. Die Prüfer hätten nicht alles sehen können, was sich in den beobachteten Autos abspiele, argumentiert er. Schließlich werde das Handy beim Tippen oft auf dem Schoß gehalten. Daher könnten die Prüfer dieses Verhalten durch die Seitenscheibe gar nicht einsehen, sagt Brockmann. Außerdem sei in der Studie die Dauer der Handynutzung nicht erfasst worden. „Deshalb sind die Untersuchungsergebnisse nicht genau.“

„Großteil der Verkehrssünder mit Handy am Steuer sind gehetzte Berufstätige“

Viktoria Bardyschewa arbeitet in der Praxis Chilaji für Sucht- und Verkehrspsychologie in Fulda. Sie hat eine etwas andere Erklärung für das gefährliche Fahrverhalten. „Ich denke, dass sich die Fahrer auf der Autobahn unbeobachteter fühlen als im Stadtverkehr. Deshalb greifen sie dort öfter zum Handy“, sagt sie. „Langeweile ist ebenfalls ein Faktor, wenn die Autobahn frei ist. Im Stadtverkehr ist das Telefonieren am Steuer dagegen schwieriger, man muss zum Beispiel häufiger die Gänge schalten.“

Ein Großteil der Verkehrssünder, der wegen seiner Punkte in Flensburg in ihre Praxis geschickt werde, habe zuvor am Steuer telefoniert, sagt Bardyschewa. „Bei diesen Menschen handelt es sich oft um Berufstätige, die von Termin zu Termin hetzen. Dass sie sich und andere Menschen gefährden, daran denken diese Personen gar nicht – auch nicht an die mögliche Strafe“, sagt Bardyschewa. Erst in der Praxis setzten sich diese Personen kritisch mit ihrem gefährlichen Fahrverhalten auseinander. Im schlimmsten Fall haben sie dazu gar keine Gelegenheit mehr.