Fotos: Johannes Wildner

Armut, die beschenkt: Schlitzer Pfarrer beeindruckt von Reise in den Norden Äthiopiens

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Äthiopien - Äthiopien – das ist für viele von uns wohl der Inbegriff von Armut. Geprägt haben mich in meiner Kindheit Fernsehbilder von hungernden Kindern in Äthiopien mit aufgeblähten Bäuchen und großen Augen.

Von Johannes Wildner, Pfarrer evangelische Kirchengemeinde Schlitz

Äthiopien lag laut Wikipedia 2017 beim Index der menschlichen Entwicklung auf Platz 173 von 189 bewerteten Ländern. Und ein großer Teil der Bevölkerung lebt dort unter der absoluten Armutsgrenze: im Jahr 2011 mussten 30,7 Prozent mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen.

Und so begegnete mir vor der Reise verständlicherweise auch Unverständnis, warum wir denn gerade dieses Land bereisen wollten. Die Frage ist ja auch berechtigt: Warum sollte man als Wohlstandsdeutscher in ein Land fahren, wo Menschen täglich um ihr Überleben kämpfen?

Ja, es hatte etwas Perverses

Hat das nicht etwas von einer „Armutssafari“, wo man später sich damit brüsken kann, einmal wirkliche Armut gesehen zu haben, so wie man auf einer Safari sich aus sicherer Distanz dem lüsternen Schauder hingibt, fremde, gefährliche Tiere zu sehen, und gerade dadurch diese Tiere gefährdet?

Ich denke an unsere luxuriöse Lodge bei Lalibela. Wenn wir morgens das abgezäunte Hotelgebiet verließen, sah man direkt dahinter Tagelöhner auf der Straße stehen, die auf Arbeitgeber warteten – was, wenn sie den ganzen Tag umsonst warteten? Ja, es hatte etwas Perverses, aus dem Auto die tägliche Mühsal eines Lebens in Armut hinter der Glasscheibe zu sehen und vorbeizufahren.

Beharrlich bettelnde Kinder werden lästig

Wie oft hätte man eigentlich anhalten müssen, wenn man wieder am Straßenrand Frauen oder gar Mädchen sah, die schwere Wasserkanister schleppten. Doch angehalten haben wir für Fotostopps und „Buschpausen“ – wie unserer Reiseleiter Toilettenstopps nannte.

Ich denke auch daran, wie einem die beharrlich bettelnden Kinder lästig wurden – aber was sollten sie auch machen? Sie bettelten ja nicht um Playstation oder Handy, sondern um die einfachsten Dinge, um das tägliche Überleben. Was würden wir in ihrer Situation vielleicht nicht alles tun?

Wunderschöne Gesichter

Und wie schnell neigt man als Kind einer erfolgreichen Wirtschaftsnation dazu, Patentrezepte zur Lösung der dortigen Probleme parat zu haben. Dabei können wir Europäer uns eigentlich gar keinen Begriff davon machen, was es heißt, unter diesen Bedingungen zu leben, wo man auf das für uns Selbstverständlichste verzichten muss.

Allein wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Äthiopier ohne Elektrizität lebt, wo wir uns ein Leben ohne Strom eigentlich gar nicht mehr vorstellen können. Und doch – wenn ich an die elftägige Reise vom 2. bis zum 12. Januar 2020 zurückdenke, dann steht mir zuerst etwas anderes vor Augen. Ich sehe vor mir vor allem wunderschöne Gesichter.

Äthiopische Kaffeezeremonie als Zeit-Beispiel

Menschen, die eine unaussprechliche Würde ausstrahlen bei ihrem mühseligen Tageswerk. Oftmals, wenn ich Einheimische fragte, ob ich sie fotografieren dürfe, haben sie erst einmal überlegt, bevor mir die Erlaubnis gewährt wurde, manches Mal wurde sie mir auch verweigert.

Und sie hatten recht. In unserer hektischen westlichen Kultur ist man auf den schnellen Effekt aus, auf den gelungenen Schnappschuss – doch bräuchte man nicht, um einen Menschen zu porträtieren, viel Zeit? In Äthiopien kann man ein anderes Verhältnis zur Zeit gewinnen. Ein Beispiel ist dafür die äthiopische Kaffeezeremonie.

Weihrauch zum Kaffeekränzchen

Äthiopien gilt übrigens als das Ursprungsland des Kaffees. Dieser ist dort nicht so sehr ein Genuss- oder ein Aufputschmittel, er ist gelebte Kultur. Eine Kaffeezeremonie, die immer von der Frau des Hauses geleitet wird, dauert zwei bis drei Stunden. Es geht dabei um die Geselligkeit, das gegenseitige Kennenlernen und das Austauschen von Geschichten.

Der Kaffee ist dabei das verbindende Element und der obligatorische Weihrauch gibt dem Ganzen eine religiöse Weihe. Wenn man das einmal erlebt hat – ich weiß nicht, ob ich jemals wieder einen Coffee to go kaufen kann. Und was man vor allem als Deutscher in Äthiopien entdecken kann – das ist die Seele. Es gibt von Rilke das Wort, dass „Armut ein großer Glanz aus Innen“ sei.

Überall fröhlich winkende Kinder

Und dieser Glanz ist mir so oft auf den Gesichtern begegnet. Vor allem bei den Kindern. Wenn nach Dante uns drei Dinge aus dem Paradies geblieben sind, nämlich die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder – dann hat uns auf unseren Wegen in Äthiopien immer wieder das Paradies angelächelt. Denn überall begegneten uns fröhlich winkende Kinder, die uns aus ihren großen Augen anstrahlten.

Im Reisebus hatte ich vorne als Gruppenbegleiter einen schönen, aber auch anstrengenden Platz, denn manchmal kam ich aus dem Winken gar nicht mehr heraus, und dabei habe ich immer nur auf das Zuwinken anderer reagiert. Ich habe mich gefragt, von wem die Kinder dies gelernt haben, denn die Eltern winkten eigentlich nie.

Eine unverhoffte Traumwelt

Materieller Reichtum führt oft dazu, dass Menschen sich im Sog des Materiellen verlieren und von der Angst vor Besitzverlust getrieben werden. Und die Seele? Spüren wir sie überhaupt noch? Wo ist bei uns neben all dem äußerlichen Glänzen der Glanz aus Innen zu finden? Die Äthiopierinnen, die wir sahen, nahmen kein Make-up. Sie wussten allein mit ihrer natürlichen Schönheit, ihrem Glanz aus Innen, zu verzaubern.

Ich muss an den Amethyst denken, den ich aus Äthiopien mitgebracht habe. Von außen ist er nur ein grauer, gewöhnlicher Stein. Doch wenn man sich die Mühe gibt, ihn zu öffnen, dann schaut man auf einmal in eine violett glitzernde, faszinierend funkelnde unverhoffte Traumwelt. Reichtum, der sich unter dem Gegenteil verbirgt. So habe ich es in Äthiopien entdeckt.

Tiefe Frömmigkeit

In Äthiopien kann man seiner Seele bewusst werden, weil die dortige Armut uns vor die tiefergehende Frage stellt, was dich im Leben und im Sterben wirklich trägt und was dich als Menschen letztlich ausmacht. Was mich besonders nachhaltig beeindruckt hat, ist die tiefe Frömmigkeit, die uns überall begegnet ist.

Als wir an einem Sonntag zufällig an einer Kirche vorbeifuhren, sah man, wie allein der äußere Hof von Kirchgängern überfüllt war. Überall sieht man Menschen mit großen Kreuzen an Halsketten, manchmal war das Kreuz sogar in die Stirn geritzt. Und immer, wenn wir Kirchen aufsuchten, sah man Gläubige, die im Stehen oder im Knien oder auf dem Boden beteten oder in der Bibel lasen.

Auffällig große Augen

Schon vor den Kirchen sah man Menschen beten, manche küssten auch die Kirchenwände vor dem Betreten. Man spürte den Respekt vor einem heiligen Ort. Man schämte sich fast, mit seinem touristischen Interesse diese Orte zu „entweihen“. Gottes Gegenwart fand ihren Ausdruck in den Kirchen oft in Darstellungen der Dreifaltigkeit, wo – anders als bei unseren Gottesbildern – sich Vater, Sohn und Heiliger Geist bis ins kleinste Detail genau gleichen als Ausdruck ihrer Dreieinigkeit.

Eine besondere Faszination bekam diese Darstellung in einer mit Bildern reich geschmückten Kirche, wo alle dargestellten Personen – auffällig sind dabei immer die großen Augen – den Betrachter nie direkt ansahen, nur der fortwährende Blick der Dreieinigkeit ließ von dir nicht los. Er lässt von mir nicht los.

„Geh hin, verkaufe alles, was du hast“

Der Glaube ist stark verwurzelt in den Menschen und gibt ihnen sichtbar Trost und Stärkung. Vielleicht ist es auch gerade die Armut, die sie dazu auserwählt. Denn das Christentum ist nun einmal eine Armutsreligion. „Selig seid ihr Armen“, sagt Jesus (Lukas 6,20), und er fordert deutlich zur Nachfolge in Armut auf: „Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!“ (Markus 10,21)

Worte, die in einem armen Land auf einmal einen ganz realistischen Klang bekommen. Mehrmals habe ich Einheimische danach gefragt, was für sie das Besondere an ihrem Land sei. Und immer ging es in der Antwort um den Glauben und die äthiopische Kirche. Eine besondere Rolle spielt dabei die Tradition, Hüterin der Bundeslade zu sein.

Hüterin der Bundeslade

Der Legende nach hat der König Salomo mit der äthiopischen Königin von Saba – deren Besuch bei Salomo in der Bibel erwähnt wird – einen Sohn gezeugt, der der Stammhalter des äthiopischen Kaiserhauses wurde. Durch ihn, so erzählt man stolz, kam auch die Bundeslade aus Jerusalem nach Äthiopien. So versteht sich die äthiopische Kirche als Hüterin uralter Tradition.

Die Bundeslade wird in Axum in einem Gebäude als ein heiliger Schatz aufbewahrt, der für die profane Öffentlichkeit unzugänglich ist. Es gibt keine Fotos oder andere Beweise für die Existenz dieser Bundeslade. Und dennoch zweifelt kein Äthiopier daran. Das hat mich berührt.

Streng gehütetes Geheimnis

In unserer heutigen Zeit, wo durch das Internet eigentlich alles überall sofort einsichtig ist, und wo immer mehr Menschen ihren Sinn darin sehen, sich über soziale Medien in der Öffentlichkeit zu inszenieren, da überkommt einen ein archaisches Gefühl für das Heilige und Verborgene angesichts eines streng gehüteten Geheimnisses. Vielleicht fehlt es gerade auch daran in unserem Glaubensleben.

Denn ist nicht das heilige Geheimnis der Kern allen Kultes und aller Religion? Wohl gerade daraus zieht das äthiopische Christentum seine Stärke: das im Zentrum etwas Verborgenes steht, das all unser Begreifen übersteigt. Und so gibt es in jeder Kirche das Allerheiligste, das durch einen Vorhang wie im Tempel zu Jerusalem verschlossen und nur den Priestern zugänglich ist.

Schönheit der Natur

Dort soll auch immer eine Kopie der Bundeslade stehen. Die äthiopische Kirche ist sehr traditionell, andererseits sind uns die Priester immer ausgesprochen offen und freundlich begegnet. Bereitwillig segneten sie mich auf Nachfrage mit ihrem Handkreuz, dass ein Priester stets bei sich führt.

Neben den Menschen und ihren Bräuchen hat uns vor allem die Natur fasziniert. Die Schönheit der Natur haben wir vor allem bei unserem Ausflug in die Simien Mountains erlebt, der uns auf über 3000 Meter Höhe führte. Es boten sich uns immer wieder atemberaubende Ausblicke in die Ferne.

Begegnung mit Blutbrustpavianen

Ein besonderes Erlebnis war dabei die Begegnung mit Blutbrustpavianen in dem Nationalpark. Diese seltene und gefährdete Affenart gibt es nur im Hochland Äthiopiens. Wie glücklich waren wir, als wir auf unserer Wanderung auf eine Gruppe von über 150 Tieren stießen. Und das Beeindruckendste war, dass sie sich von uns überhaupt nicht stören ließen in ihren Handlungen.

Die kleinen Äffchen tollten munter an der Seite der Älteren. Viele aus unserer Gruppe haben diese Begegnung als einen Höhepunkt der Reise beschrieben. Es war eine Begegnung mit ursprünglicher Natur. Und es tat vielleicht einfach gut zu erleben, als Mensch einmal nur ein unwichtiger Betrachter zu sein. Die Nachrichten sind ja voll davon, wie wir Wohlstandsbürger durch unser Verhalten Klima und Natur verändern. Es war heilsam, einfach nur zuschauen zu dürfen.

Veränderung der Perspektive

Eine Reise nach Äthiopien verändert für den Aufmerksamen die Perspektive. Ich muss an die Weisen aus dem Morgenland denken, derer wir am 6. Januar gedachten – die äthiopische Kirche sieht in einem von ihnen natürlich einen Äthiopier. Die Weisen haben auf der Suche nach dem Geburtsort des neuen Königs verständlicherweise an einen Königspalast gedacht, sie verbanden den König mit Wohlstand und Sicherheit.

Doch sie mussten lernen, dass Gott sich gerade eine arme Hütte als den Ort seiner Menschwerdung erwählte, eine Futterkrippe. Vielleicht führte uns Gott auch auf unserer Reise aus unseren heimatlichen „Palästen“ heraus zu den Hütten Äthiopiens, wo die Tiere im Haus leben wie damals bei Jesu Geburt, um Gott neu zu entdecken.

Wiege der Menschheit

„Willkommen in Ihrem Heimatland“ – so hatte uns unser Reiseleiter begrüßt. Denn aufgrund von Fossilfunden gilt Äthiopien als Wiege der Menschheit. Und wie die Weisen aus dem Morgenland muss man wohl zur Wiege reisen, um zu erkennen, wer man selber ist. Ja, dieses arme Land kann einen so reich beschenken, indem es den eigenen Blick verändert, unsere Wertvorstellungen infrage stellt, und uns die Seele neu entdecken lässt.

Wenn ich an Äthiopien denke, dann sehe ich Gesichter vor mir, ich denke an den Busfahrer Getsch, der bei der Reifenpanne sein Leben für uns aufs Spiel setzte. Oder an Peter, der uns in Axum begleitete und umsorgte. Ich denke an Kristina, das Straßenmädchen in Lalibela, das mit Stolz die europäischen Hauptstädte aufsagte, oder an Martha, die auf dem Weg zu den Wasserfällen von Tis Issat, den zweitgrößten Afrikas, Souvenirs verkaufte, um in der Ferienzeit für das Studium Geld zu verdienen.

„Mein Bruder von einer anderen Mutter“

Ich denke an Tetsh, den ich in Axum zufällig auf der Straße traf, und der mich in die Axumer Musikszene einführte, und an Anna, die Hüterin des Kaffees auf dem Axumer Flughafen. Und ich denke ganz besonders an „meinen Bruder von einer anderen Mutter“, an Gabriel, unseren Reiseleiter.

Er geleitete uns als Erzengel durch sein Heimatland und prägte vor allem mit seiner fröhlichen und wortkreativen Art die Atmosphäre in unserer Gruppe und verzauberte uns. Wie die vielen Engel an der Decke einer Kirche in Gondar sehe ich all ihre Gesichter vor mir mit ihren großen Augen kreisen. Doch schließlich finden sie sich zusammen, um sich zu drei Gesichtern zu vereinigen, drei Gesichtern, die sich in allem genau gleichen.

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