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Ein Besuch bei der Nachbarschaftshilfe "Wir-in-Schlitz"

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Von: Redaktion Fuldaer Zeitung

schlitz - Die Vorstandsmitglieder des gemeinnützigen Vereins antworten ohne Zögern auf die Frage, warum sie sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für die Nachbarschaftshilfe in Schlitz engagieren: "Wir geben einfach nur weiter, was wir selbst haben.

Wir verschenken unsere Zeit an diejenigen, die unsere Hilfe benötigen. Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns einbringen – es ist gelebte Nächstenliebe." Die Nachbarschaftshilfe entstand 2007 auf Initiative von Dr. Christian Gerninghaus, der, von ähnlichen Vereinen in Schotten und Maar inspiriert, diese Idee auch für Schlitz als wichtige Bereicherung des Stadtlebens für umsetzbar erachtete. Er sollte Recht behalten: Bereits auf einen ersten Aufruf hin kamen im Mai 2007 mehr als 40 Interessierte in den Rittersaal und die Vereinsgeschichte nahm ihren erfolgreichen Beginn. Seitdem konsolidierte der Verein seine gemeinnützigen Inhalte und Tätigkeiten (siehe Info-Box). Von 23 Gründungsmitgliedern ist der gemeinnützige Verein "Wir in Schlitz e.V." mittlerweile auf 66 Mitglieder angewachsen; schon 2011 wurden über 100 Stunden Hilfe für und an Mitmenschen geleistet, die Bürozeiten nicht mitgerechnet. Dass noch nicht mehr Menschen dem Verein beigetreten sind, hat sicher verschiedene Ursachen. Zum Einen finden sich nicht nur in Schlitz, sondern im ganzen Vogelsbergkreis viele professionelle Institutionen, Sozial- und Pflegedienste sowie ehrenamtliche Vereinigungen und Initiativen, die sich dem Wohlergehen von Mitmenschen in der heimatlichen Region widmen. (Unter dem Stichwort "Nachbarschaftshilfe" sind allein im Archiv des "Schlitzer Boten" 141 Presse-Beiträge zu finden). Zu diesen sieht sich "Wir in Schlitz" als Ergänzung, vor allem für diejenigen, die durch das professionell-institutionalisierte Netz rutschen, aber trotzdem der kurzfristigen Hilfe bedürfen. Zum Anderen fehlt, trotz einer guten Vernetzung mit den Sozialdiensten, der Kirche und der Stadtverwaltung noch eine breit aufgestellte Öffentlichkeitsarbeit. Diese kostet nicht nur Zeit, sondern in der Regel auch Geld, z.B. für Informationsbroschüren, die auch in anderen Sprachen sinnvoll wären für Nachbarn mit nicht deutsch-sprachigen Familienangehörigen. Demzufolge wissen noch zu wenige Schlitzerinnen und Schlitzer, dass es den Verein überhaupt gibt. Wer von seiner Existenz weiß, hat vielleicht Hemmungen, einen anderen Menschen, der nicht zur Familie gehört, um Hilfe zu bitten. Es könnte als Eingeständnis von Schwäche und/oder als Zeichen von Einsamkeit und mangelnder Bindung gedeutet werden und steht deshalb einem Anruf oder einem Besuch in den Büroräumen im Weg. Aber die aktiven Mitglieder des Vereins freuen sich über jede Anfrage, und sind zudem in Schlitz für ihr ehrenamtliches Engagement, auch in anderen Zusammenhängen, bekannt. Wann immer im Büro angerufen wird, trifft man dort also auf "Nachbarn" im weiteren Sinn.

Des Weiteren wird Schlitz, vor allem das Schlitzerland mit seinen Dorfgemeinschaften, trotz aller demografischen Prognosen immer noch von einem funktionierenden, privat-sozialen Netz gehalten. Man kennt sich nicht nur, man hilft sich auch. Von Familie zu Familie, von Nachbar zu Nachbar oder auch von Generation zu Generation – untereinander und miteinander. Das "Wir" ist im Schlitzerland nicht nur ein (Für-)Wort, sondern auch ein Gefühl. So ist die Mitgliederzahl möglicherweise auch ein Gradmesser für die Tragfähigkeit der Gemeinschaft, und man mag vor diesem Hintergrund vermuten, dass eine überschaubare Anzahl von Mitgliedern als gutes Zeichen zu werten sei. Man empfindet noch keine brennende Notwendigkeit für die Unterstützung der Initiative "Wir-in- Schlitz". Aber das wäre zu kurz gedacht. Der "demografische Wandel" betrifft nicht etwa die Zukunft, vielmehr ist er schon sehr lange im Gang, auch wenn er als Begriff vor hundert Jahren noch gar nicht existierte. Und so weit zurück muss man gar nicht gehen: Soziale Netze werden heute schon ganz anders geknüpft als zur Zeit unserer Eltern, ja, müssen heute anders geknüpft werden, und das Wachstum institutioneller Strukturen im sozialen Wirkungsfeld folgt dieser Entwicklung. "Wir-in-Schlitz e.V." ist eine unterstützungswürdige Initiative, die in einem Moment gegründet wurde, in dem noch ausreichend "alte", gewachsene Strukturen vorhanden sind, dass sie dem Verein ein stabiles Fundament verleihen, dieser sich weitflächig vernetzen und so eine nachhaltige Perspektive sichern kann. "Wir in Schlitz e.V." ist aus einem starken gemeinsamen (Mit-)Gefühl heraus entstanden, und trägt dieses als Vereinsziel und -zweck weiter, egal, wie sehr sich unsere Gemeinschaft in Zukunft wandelt. / ad Info: "Wir in Schlitz e.V." hilft den Menschen in Schlitz und dem Schlitzerland, die Zuwendung und Unterstützung bei leichten Verrichtungen des Alltags brauchen. Begleitung zum Spazierengehen, Einkaufen oder Arztbesuche, Vorlesen, Spielen, Gesellschaft leisten, Reparaturhilfen, Telefondienst, Entlastung von pflegenden Familienangehörigen, aber auch Kinderbetreuung bei plötzlichen Notfällen. "Wir-in-Schlitz e.V." verfügt über ein eigenes Büro in den Räumen der Sparkasse in der Bahnhofstraße. Das Büro ist barrierefrei erreichbar, d.h. ebenerdig, und die Bürozeiten sind an den Fahrzeiten der Stadtbusse orientiert. Das Büro ist dienstags von 14 – 16 Uhr und donnerstags von 10 – 12 Uhr geöffnet. Besucher sind herzlich willkommen. Telefonisch ist "Wir-in- Schlitz e.V." über die Tel.-Nummer 0160–99 11 25 00 zu erreichen. Wer sich detailliert informieren möchte, kann dies auf www.wir-in-schlitz.de tun. Dort kann man dem Verein auch beitreten (das geht natürlich auch auf postalischem Weg). Die Mitgliedschaft beinhaltet nicht automatisch eine Übertragung von Vereins-Aufgaben, sichert aber das Fortleben des Vereins ebenso wie Spenden. Wer sich darüber hinaus einbringen möchte, ist mehr als willkommen.

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