Das Freiensteinauer Medizintechnikunternehmen Acti-Med hat einen neuen Eigentümer.
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Das Freiensteinauer Medizintechnikunternehmen Acti-Med hat einen neuen Eigentümer.

Standort wohl sicher

Niederländischer Fonds übernimmt Acti-Med: Medizintechnikhersteller aus Freiensteinau will weiter wachsen

  • Walter Kreuzer
    vonWalter Kreuzer
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Die Freiensteinauer Acti-Med AG gehört zu den international führenden Entwicklern und Herstellern von Medizinprodukten. Das Unternehmen will wachsen und Firmenchef Andreas Schwalb sucht einen Nachfolger. Das sind zwei wesentliche Gründe für den jetzt erfolgten Verkauf an den private Equity Fonds Gilde Healthcare aus Utrecht in den Niederlanden.

Freiensteinau - „Ich bin 58 und habe in der Familie keinen Nachfolger“, erklärt Vorstand, Gründer und Miteigentümer Andreas Schwalb auf Anfrage unserer Zeitung. Das Unternehmen Acti-Med aus Freiensteinau im Vogelsbergkreis sei eine „kleine Aktiengesellschaft mit 14 Aktionären“. Diese Form der Kapitalgesellschaft sei „2002 in Mode gewesen. Heute macht das keiner mehr“. Künftig wird Acti-Med eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) sein. Schwalb: „Das ist vom Gesellschaftsrecht her einfacher, zumal es nur noch wenige Anteilseigner sind.“ Wie viele genau? Kein Kommentar. Darüber, wie groß der Anteil des neuen Mehrheitseigners Gilde Healthcare genau ist, äußert sich der Manager ebenso wenig wie über die Höhe des Kaufpreises.

Ein, wenn auch oberflächlicher, Blick auf den Jahresabschluss 2019 – dieser ist auf Bundesanzeiger.de veröffentlicht – zeigt, dass Acti-Med offenbar ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen ist. 2019 lag der Jahresüberschuss bei 335.000 Euro (2018 waren es 283.000 Euro), die Bilanzsumme bei 6,1 Millionen Euro. Alleinvorstand Schwalb bestätigt diese Einschätzung und ergänzt: „Das ist eine Grundvoraussetzung, es gut zu verkaufen.“ (Lesen Sie hier: Entscheidung ist gefallen - Neuer Eigner für Birkenstock)

Freiensteinau: Niederländischer Fonds übernimmt Medizintechnikhersteller Acti-Med

Der Verkauf sei am 20. April mit der Unterschrift besiegelt worden. Bleibt er dem Unternehmen erhalten, das er in einem knappen Vierteljahrhundert aufgebaut und mit 120 Mitarbeiten zu einem der größten Arbeitgebern im Blauen Eck gemacht hat? „Ich bleibe eine gewisse Zeit noch Geschäftsführer. Das Thema wird ganz in Ruhe angegangen.“ In der Niederlassung Kozerki in Polen sind aktuell etwa 100 Mitarbeiter beschäftigt.

In einer am Dienstag herausgegebenen Pressemitteilung von Acti-Med wird der neue Eigentümer Gilde Healthcare als „ein auf das Gesundheitswesen spezialisierter Investor“ und das Unternehmen selbst als „international führender Entwickler und Auftragshersteller von hochwertigen Medizinprodukten für die medizinische und pharmazeutische Industrie“ beschrieben. Es sei auf „maßgeschneiderte, hochregulierte Kanülen und Kanülensysteme für pharmazeutische und medizinische Anwendungen spezialisiert, die gemeinsam mit internationalen Markenherstellern entwickelt werden“.

Der neue Eigentümer plane „das Produktportfolio in den Segmenten „Ready for Market“ sowie „Ready for Clean Room“ weiter zu stärken und auszubauen. Um die steigende Nachfrage bedienen zu können, sollen die Produktions- und Entwicklungskapazitäten erweitert werden. Rafael Natanek, Partner bei Gilde Healthcare, spricht von „vielversprechenden Wachstumschancen“ und eine beabsichtigte „ganzheitliche Wachstumsstrategie durch Investments in das weitere organische Wachstum des Unternehmens sowie die Indentifizierung geeigneter Firmenzukäufe“.

„Jetzt ist der richtige Zeitpunkt in der Entwicklung des Unternehmens gekommen, um unser Wachstum mit Investitionen und Kompetenzen weiter voranzutreiben“, wird Schwalb zitiert, der allen Mitarbeitern „für ihre unschätzbaren Beiträge dankt“.

„Das Werk Freiensteinau wird mit Sicherheit nicht kleiner“

Wenn von Investitionen die Rede ist, drängt sich die Frage auf, wo diese stattfinden werden. Anders ausgedrückt: Wird Freiensteinau auf Sicht der Hauptort von Acti-Med sein? Schwalb dazu: „Das Werk Freiensteinau wird mit Sicherheit nicht kleiner. Allerdings hängt es von vielen verschiedenen Faktoren ab, wo investiert wird. Momentan sind wir hier ausgelastet. Es gestaltet sich schwierig, weitere Mitarbeiter zu finden. Da überlegt man schon mal...“, äußert er sich vielsagend.

In dem Marktsektor von Acti-Med hat die Corona-Pandemie keine Auswirkungen. Zumindest nicht direkt. Aber: „Es gibt einiges zu tun im Medizinsektor in Europa. Corona zeigt Mängel im System auf – auch im Bereich Kanülen“, stellt Schwalb klar. Diese werden zum großten Teil in Fernost – in China, Korea und Indien – hergestellt: „Da wird viel Luft mit verpackt, was enorme Frachtkosten verursacht.“

Vor diesem Hintergrund sind Überlegungen zu sehen, zumindest Teile der Produktion zurück nach Europa zu holen: „Wir sind in einer Situation, wo man ganz gut dasteht, wenn man die Möglichkeit hat zu investieren“, sagt Andreas Schwalb. Auch um solche Investitionen in dem nötigen Ausmaß und Tempo finanziell stemmen zu können, sind Mittel nötig, die durch den neuen Eigentümer – Gilde Healthcare verwaltet 1,4 Milliarden Euro in zwei Fonds – zur Verfügung stehen.

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