Heinrich Luft bei der Arbeit an einem Ski (um 1940).
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Heinrich Luft bei der Arbeit an einem Ski (um 1940).

Nach 130 Jahren

Grebenhain: Fachgeschäft für Wintersportler „Ski Luft“ hat zum Jahresende dicht gemacht

Für Wintersportbegeisterte aus der Region war sie eine Institution: Die Firma „Ski Luft“ in Bermuthshain. Zum Jahresende hat das Fachgeschäft für Ski- und Wintersportartikel im beschaulichen 500-Einwohner-Ortsteil der Gemeinde Grebenhain seine Türen geschlossen. Das Aus einer 130-jährigen Familientradition.

Grebenhain - Dass das Skifahren im späten 19. Jahrhundert in der Region überhaupt Wurzeln schlug, ist zum Teil dem Urgroßvater von Werner Luft zu verdanken – dem 1862 in Bermuthshain geborenen Friedrich Jost. Er sollte wie sein Großvater Johannes Kimpel, bei dem er auch in die Lehre gegangen war, Schmied werden. „Er litt aber an Luftbeschwerden und hat deswegen die Tätigkeit in der Schmiedewerkstatt nicht vertragen. Deshalb hat er dann auf Stellmacher umgestellt und dieses Gewerbe auch angemeldet“, weiß Werner Luft.

Am 25. November 1883 meldete Friedrich Jost sein Gewerbe als „Dreher in Holz ohne Laden“ sowie als „Holzgeschirrmacher“ und Weißbinder bei der Gemeinde Bermuthshain an. Holzrechen und Holzjoche gehörten zu seiner Produktpalette, aber auch kunstvoll verzierte Spinnräder, wie sie im Vogelsberg traditionell zur Aussteuer der Bräute gehörten. Seine Waren brachte er anfangs zu Fuß auf Märkte in der Umgebung, unter anderem bis ins 30 Kilometer entfernte Wächtersbach. Auf die Idee, „Schneeschuhe“ (wie die Skier damals auch genannt wurden) anzufertigen, brachte Jost im Winter 1886/87 der damalige Bermuthshainer Revierförster Wilhelm Dillemuth. „Der hatte in einer norwegischen Zeitung vom Skifahren gelesen“, berichtet Werner Luft. Die tatsächliche Geschichte hinter dem ersten Skiläufer im hohen Vogelsberg dürfte allerdings wohl noch etwas komplexer gewesen sein.

Grebenhain: „Ski Luft“ in Bermuthshain hat nach 130 Jahren dicht gemacht

Wilhelm Dillemuth wandte sich also an Friedrich Jost, um bei ihm sein erstes Paar Skier anfertigen zu lassen. Doch auch dieser hatte vorher noch nie Skier gesehen und wusste natürlich auch zunächst nicht, wie man solche konstruiert. Einziger Anhaltspunkt war für Friedrich Jost eine Abbildung in einer Zeitung, die ihm wohl Dillemuth überbrachte. „Mein Uropa hat dann Fichtenholz genommen, und zwar mit der auslaufenden Wurzel dran. So wie die Wurzelausläufer waren dann auch die Skispitzen gebogen“, so Werner Luft. Aus alten Schuhen wurden die Skibindungen gemacht.

Mit diesen Skiern wagte Dillemuth im Winter 1886/87 eine Abfahrt von der Herchenhainer Höhe durch den Oberwald zum Grebenhainer Berg, um bei den dort tätigen Holzhauern vorbeizuschauen. Die wussten allerdings zunächst gar nicht, wie ihnen geschah, als durch den verschneiten Wald ein Mann in für sie unerklärlich hohem Tempo auf sie zuraste und dabei eine Schneewolke hinter sich aufwirbelte. „Die waren erschrocken und dachten, jetzt kommt der Leibhaftige auf sie zu“, meint Werner Luft schmunzelnd. Allerdings sollte Dillemuth nur zwei Wochen lang die Freude an seinen ersten „Schneeschuhen“ haben. Dann gingen sie zu Bruch.

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So entstand das Fachgeschäft „Ski Luft“ in Bermuthshain - nun schließt es nach 130 Jahren

Durch weiteres Experimentieren kam Friedrich Jost aber bald dahinter, wie man Skier wirklich baut. So verwendete er fortan das feste und doch zugleich biegsame Eschenholz. Ab 1888 fertigte Jost seine „Schneeschuhe“ sozusagen in Serie. Natürlich versuchten sich bald auch weitere Holzdrechsler in der Region im Herstellen von Skiern. Keiner erlangte indes den gleichen Bekanntheitsgrad wie der Bermuthshainer Pionier. Was auch in Friedrich Josts politischer „Karriere“ begründet sein könnte: Ab 1896 war er Mitglied im Gemeinderat von Bermuthshain, von 1902 bis 1926 Bürgermeister und von 1921 bis zu seinem Tod 1931 Landtags-Abgeordneter.

1908 heiratete Heinrich Luft, Großvater von Werner Luft und ebenfalls aus Bermuthshain sowie versierter Holzdrechsler, in die Familie ein. Er brachte Werner Luft viel bei, und bei dessen Bruder Karl Luft ging Werner Luft Ende der 1940er Jahre in die Holzdrechslerlehre. Seinen eigenen Vater, Friedrich Luft, hat der heute 87-Jährige früh verloren. Er starb 1944 im Alter von 36 Jahren als Soldat an der Ostfront. „Meine Mutter hat das Geschäft nach dem Krieg weitergeführt. Ich bin dann dort eingestiegen. Damals hatten wir ja auch noch Landwirtschaft und zusätzlich noch das Steinmetzgeschäft, hauptsächlich für Grabsteine“, erzählt Werner Luft. In den Jahren nach der Übernahme änderte sich auch die Bauweise der Skier – von den alten Eschenholz-Skiern auf verleimte Konstruktionen. Die Anfang der 1960er Jahre auf diese Weise gebauten Skier waren rot oder blau lackiert und trugen auch erstmals einen Markennamen. „Luft Rakete“ lautete die Bezeichnung, die vor dem Hintergrund der in zu dieser Zeit aufkommenden Weltraumfahrt bewusst gewählt worden war.

Kein richtiger Schnee mehr seit 2010: Das sind die Gründe für die Schließung des Ski-Geschäfts in Bermuthshain

Gegen Ende der 1960er Jahre setzten sich Skier aus Verbundwerkstoffen auf dem Markt durch, die von großen Firmen in Massen produziert wurden. Das Geschäft Ski Luft“ konnte nicht mehr mithalten. 1980 stellte Werner Luft die Handfertigung der „Luft Raketen“ endgültig ein. Inzwischen war zur Werkstatt auch ein erstes kleines Ladengeschäft dazugekommen. Zur Jahrtausendwende übernahmen Sohn Dieter und dessen Ehefrau Jutta die Firma und bauten noch einmal groß um, dieses Mal in der früheren Scheune des Anwesens, wo über gleich drei Stockwerke hinweg ein großes Ladengeschäft entstand. Dieter Luft starb Anfang 2006 im Alter von 43 Jahren, doch die Geschichte der Firma ging weiter. Noch 2013 beging man das 125-jährige Firmenbestehen. Doch inzwischen ist „die Luft aus dem Vogelsberger Skigeschäft raus“. Jutta Luft: „Es ist einfach kein Schnee mehr da. Der letzte richtige Winter im Vogelsberg war 2009 auf 2010. Von Jahr zu Jahr wird es weniger. Irgendwann muss man halt eine Entscheidung treffen.“

Werner Luft testete seine Produkte selbst auf Herz und Nieren, denn er war bis ins vorgerückte Alter ein begeisterter Skisportler. Fast 30 Jahre lang leitete er die damalige Skiabteilung des TSV Grebenhain. Er war auch maßgeblicher Initiator beim Bau der ersten Sprungschanze auf dem Höllerich im Jahr 1953 und der wesentlich größeren Nachfolgerin, die 1970 eröffnet wurde – unter dem Namen „Wilhelm-Dillemuth-Schanze“ – benannt nach dem ersten Vogelsberger Skiläufer. (Von Carsten Eigner)

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