Pianistin Mai Higuchi gastierte in der Landesmusikakademie

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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SCHLITZ - Einen enorm dicken Grundklang verbindet die Pianistin Mai Higuchi mit einem großen Differenzierungsvermögen. Was das heißt, erlebten die Besucher ihres Konzerts im Gartensaal von Hessens Landesmusikakademie Schloss Hallenburg in Schlitz. Es war eines der beiden Preisträgerkonzerte, die Higuchi im vergangenen Jahr bei der Pianale Klavierakademie gewonnen hat.

Das Programm stand ganz im Zeichen der Romantik. Das galt auch für das erste Werk, Johann Sebastian Bachs Chromatische Phantasie und Fuge d-moll, BWV 903. Wie Pianale-Gründerin Uta Weyand-Schäfer zu Beginn erläuterte, war dieses ursprünglich für Cembalo geschriebene Werk einer der Eckpfeiler romantischer Bach-Interpretation im Zuge der Wiederentdeckung des Komponisten im 19. Jahrhundert.

Mai Higuchi nahm sich dieses Werkes unter genau diesem Aspekt an. Unter anderem durch einen Hang zu Fächer-Dynamik (also Lautstärke-Änderungen mit weichen Übergängen im Gegensatz zur barocken Terrassen-Dynamik) gab sie der Komposition einen deutlich romantischen Anstrich.

Insbesondere in der Fuge gestaltete sie zum Ende hin eine große Steigerung, die sehr romantisch war. Trotzdem spielte sie die Musik auch klar und pointiert, und dieser typische Johann-Sebastian-Bach-Charakter blieb erkennbar (anders als etwa bei Wilhelm Furtwängler, dessen Romantisierungen barocker Musik ungeheuer schwer und diffus waren). Von Anfang an waren ihr recht kräftiger und dicker Grundklang einerseits sowie Leichtigkeit, Klarheit und Flüssigkeit andererseits kein Widerspruch zueinander. Auch langen, sehr schnellen Läufen konnte man deshalb bestens folgen.

Wie schon ihre Bach-Interpretation vermuten ließ, war Mai Higuchi bei Robert Schumann in ihrem Element. Von ihm spielte sie beide Hefte der Davidsbündlertänze op. 6. Die klangliche Besonderheit ihres Spiels machte sich auch hier gleich von Anfang an bemerkbar: Den ersten Abschnitt mit der Überschrift "Lebhaft" spielte sie kräftig, und trotzdem war so etwas wie Weichheit darin.

Witzig und ungestüm ging sie bei "Etwas hahnebüchen" zu Werke. Bei "Ungeduldig" pendelte das Leidenschaftliche und Schwärmerische des Ausdrucks zwischen einem positiven und einem schmerzlichen Grundgefühl hin und her. Beim Stück mit der Überschrift "Einfach" gelang ihr der Spagat zwischen einem gewissen Aktionstempo und einer inneren Ruhe, die trotzdem von der Melodik verströmt wird.

Bei "Sehr rasch und in sich hinein" ließ sie das Klavier herrlich rauh klingen. Auch in Momenten mit langen Noten, also geringem Aktionstempo, gelang es ihr, eine enorme Ausdrucks-Intensität aufrecht zu erhalten. So kräftig und dick ihr Grundklang auch durchweg war, so sehr sie energetische Momente ausschöpfte – es war trotzdem immer noch Spielraum nach oben, den sie in den passenden Momenten nutzte.

Sie reagierte immer feinfühlig auf die Komposition mit ihrem Verlauf, ihren sich wandelnden Stimmungen und ihrem Klangfarben-Potenzial.

Beim vorletzten Abschnitt, "Wie aus der Ferne", spielte sie die träumerischen Momente mit einer großen Zartheit. Als mehr Leidenschaft und Bewegung in diesen Abschnitt kamen, behielt Higuchi die träumerische Stimmung so lange bei, bis es von der Komposition her wirklich nicht mehr ging. Erst beim ganz großen Ausbruch pustete sie das Träumerische komplett weg – um bei den allerletzten Noten doch wieder zu ihm zurückzufinden.

Auch die Polonaise Phantasie As-Dur op. 61 von Frédéric Chopin spielte Mai Higuchi mit diesem Einfühlungsvermögen. Die Eröffnungsakkorde ließ sie knallen, mit den zarten Aufwärtsläufen schuf sie dazu einen Kontrast. Meistens ließ sie insbesondere in leisen Momenten die Bässe deutlich hervortreten und färbte so den Gesamtklang sehr dunkel ein. An anderen Stellen, lauten wie leisen, ließ sie dagegen die helleren Klänge deutlicher hervortreten – je nachdem, wie es zur Komposition passte. In den Momenten, in denen sie die Musik sehr dunkel klingen ließ, gab sie ihr zwar Gewicht, ließ sie aber niemals zu schwer werden. Und wieder gelang es ihr, die ruhigeren Momente genauso stark wirken zu lassen wie alles Spektakuläre.

Auf Chopins letztes großes Klavierwerk ließ Mai Higuchi César Francks erstes folgen. Bis Franck Prélude, Chorale et Fugue schrieb, hatte er lieber für die Orgel komponiert. Beim Klavier angekommen, wählte er einen Titel, der an Johann Sebastian Bach erinnert, ohne das Vorbild formal genau zu kopieren.

Insgesamt ließ die Pianistin Francks Komposition ein wenig trockener klingen als die Musik Schumanns und Chopins, was zu der eigentümlichen Stimmung sehr gut passte. Francks Werk hat eine bestimmte Art von Melancholie, die einen aber nicht erdrückt und außerdem das Werk nicht überschattet. Sie ist spürbar, aber die Musik bleibt meistens dennoch in Bewegung, statt einen Zustand der Lähmung auszudrücken. Trockener bedeutet aber nicht, dass es weniger Klangfarben gegeben hätte. Mit denen reagierte sie auf diese Komposition genauso gut wie auf die vorherigen.

Mai Higuchi ließ sich nicht lange feiern, ehe sie eine Zugabe spielte. Beim Nocturne in cis-moll von Frédéric Chopin war noch einmal an einem besonders bekannten Stück zu erleben, mit welch großem Differenzierungsvermögen die Pianistin mit ihren Klangwänden arbeitet.

Dieser dicke Klang vertrug sich bestens mit der Zartheit des Stücks. Zu Recht spendeten die Besucher im fast voll besetzten Gartensaal großen und herzlichen Beifall.

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