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Schlitzer Mädchen feierte ihren 100. Geburtstag

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Schlitz/Griesheim - Ein Schlitzer Mädchen feierte schon im alten Jahr seinen 100. Geburtstag, allerdings fern der alten Heimat. Berta Schupp wurde am 15. Dezember 1919 in Schlitz geboren, lebt aber schon seit geraumer Zeit in Griesheim.

Berta Schupp, geborene Hermann, war anfangs nicht unbedingt auf Rosen gebettet. Ihr Vater Konrad Hermann arbeitete bei der Firma Bücking in Schlitz, ihre Mutter Anna verdiente Geld als Weißnäherin bei Langheinrich. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg herrschte Inflation. Das Geld war knapp. Da die Mutter arbeitete, musste Berta immer sehr früh mit ihr aufstehen, und wurde dann in die sogenannte Kinderschule, die damalige Kindertagesstätte, gebracht, wo sie am frühen Morgen das einzige Kind war und auch als letztes wieder von ihrer Mutter abgeholt wurde.

„Ich weinte viel“

Mit elf fing Berta dann an, ihren Beitrag zum Familieneinkommen beizusteuern, mit dem Kehren der Straße, mit Botengängen für eine Schneiderin oder in den Sommerferien als Erntehelferin auf dem gräflichen Hof. Als Berta zwölf Jahre alt war, verließ dann die Mutter die Familie.

„Mein Leben wurde so traurig und ich weinte viel. Ich musste nun jeden Tag kochen, damit wir alle, Papa, meine zwei Jahre jüngere Schwester Luise und auch ich etwas zu essen hatten“, berichtet sie in einem Gespräch mit dem Griesheimer Anzeiger. Zum Glück konnte Berta recht gut kochen und auch ihr Vater fand für ihre Kochkünste lobende Worte.

Patin rettet Konfirmationstag

Berta Schupp hat aber auch schöne Kindheitserinnerungen. So verbrachte sie als jüngeres Kind ihre Sommerferien bei ihrer Patin, einer Diakonissin, die in Bad Salzschlirf arbeitete. In ihrem Haus wohnten auch viele Kurgäste, sodass Berta auch in den Genuss des guten Gästeessens kam. Und bevor Berta wieder nach Hause zurückgebracht wurde, kleidete sie ihre Tante von Kopf bis Fuß neu ein, „das war damals etwas ganz Besonderes“.

Diese Patin, eine fromme Frau, rettete dem Mädchen auch den Konfirmationstag. Berta hatte nämlich für die Einsegnung noch kein festliches Kleid, ganz im Gegensatz zu all ihren Mitkonfirmandinnen und -konfirmanden. Sie ging deswegen mit ihrer Freundin zum Pfarrer und schüttete ihm unter Tränen ihr Herz aus. Ihr Vater wusste nichts davon, und der Pfarrer erklärte, dass sie trotzdem eingesegnet werden könne. Aber drei Tage später kam dann ihre Patin aus Bad Salzschlirf und brachte ihr ein wunderschönes schwarzes Kleid mit, dass sie dann stolz in der Kirche tragen konnte. Einen Wermutstropfen gab es während der Konfirmationsfeier dennoch: Sie hatte auf Vorschlag ihres Vaters auch die Mutter eingeladen, die kam dann aber nicht in die Kirche.

Aus Heimweh nach Hause gelaufen

Mit knapp 15 Jahren verließ Berta die Schule. Die Nationalsozialisten waren an die Macht gekommen und hatten für alle Schulabgänger ein verpflichtendes „Landjahr“ eingerichtet, während dessen die Jugendlichen in der Landwirtschaft arbeiten mussten. Berta kam auf einen Hof nach Hutzdorf, wo es ihr aber gar nicht gefiel. Alles sei sehr dreckig und beschwerlich gewesen, und vor lauter Heimweh ist sie dann nach Hause zu ihrem Vater gelaufen.

Danach arbeitete sie als Kindermädchen und später als Aushilfe bei einem Zahnarzt. 1935 ging sie dann in Griesheim bei einer Bäckerfamilie „in Stellung“. In der südhessischen Stadt fühlte sie sich schnell heimisch.

Wegen Luftangriffen nach Schlitz zurück

Trotzdem führte sie ihr Lebensweg noch einmal nach Schlitz. Wegen der ständigen Luftangriffe auf Südhessen kehrte sie während des Zweiten Weltkrieges wieder nach Schlitz zurück, weil die Burgenstadt von Fliegeralarm weitgehend verschont blieb. Nach dem Krieg kehrte sie nach Griesheim zurück, fasste aber in den 70er Jahren gemeinsam mit ihrem Ehemann Hermann, den sie 1938 in Griesheim geheiratet hatte, den Entschluss, den Lebensabend im beschaulichen Schlitz zu verbringen. Dort wohnte sie in einer Wohnung unterhalb des Hauses ihrer Nichte Am schwarzen Stock. Sie hatte einen schönen großen Garten und begann als Nebenbeschäftigung im Altenwohnheim Wäsche zu bügeln.

Letztlich packte sie aber das Heimweh nach ihrer südhessischen Wahlheimat: 1978 kehrten sie und ihr Mann wieder nach Griesheim zurück, wo sie heute noch lebt. / hst, bg

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