Siegbert Ortmann referierte während des jüngsten Stammtisches und hatte aufmerksame Zuhörer zu wichtigen Themen. Fotos: privat

Siegbert Ortmann referierte zur sudetendeutschen Identität

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Lauterbach -

Er leitete dies von jüngsten Äußerungen tschechischer Politiker her, wonach man im Interesse gut-nachbarschaftlicher Beziehungen künftig tunlichst auf den Gebrauch des Wortes "sudetendeutsch" verzichten sollte. Denn ein großer Teil der tschechischen Bevölkerung verbinde mit diesem Begriff immer noch ein Relikt aus der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen in ihrem Land. "Solche Zusammenhänge sollten aber nach den inzwischen getroffenen bilateralen Abkommen zwischen Tschechien und Deutschland wirklich nicht vorkommen."

Beim sudetendeutschen Stammtisch am Dienstagabend in Lauterbach setzte sich der hessische Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), Siegbert Ortmann, unter anderem mit dem Begriff "sudetendeutsch" auseinander. Mehr gesehen werden und damit der Vergangenheit angehören", so Ortmann, denn längst werde überall im geeinten Europa auf gegenseitige, verständnisvolle Toleranz bei den Völkern und zahlreichen Volksgruppen gebaut, was letztlich auch dazu führen sollte, über das Wort "sudetendeutsch" nicht mehr streiten zu müssen. Historisch gesehen gehe dieser vormals eher unbekannte Volksgruppenbegriff auf die Gründungszeit der Tschechoslowakischen Republik nach dem ersten Weltkrieg zurück. "Damals wurde die deutsche Bevölkerung des zerfallenen Königreiches Böhmen, also die Deutschböhmen, Deutschmähren und Deutschschlesier von dem neuen Staat aus einst führenden Positionen in ihren Gebieten unter Missachtung des von US-Präsidenten Wilson propagierten Selbstbestimmungsrechtes zu einer geradezu rechtlosen "Minderheit" im

Staate herabgestuft", sagte der BdV-Landesvorsitzende. Daraus sei bei der deutschsprachigen Bevölkerung mit rd. 3,1 Mio. Menschen verständlicherweise das Bedürfnis nach einer eigenständigen Identität auf nationaler Ebene entstanden. Zunächst handelte es sich bei "sudetendeutsch" um den künstlichen Begriff einer Schicksalsgemeinschaft, der sich aber in der Folge sehr schnell verbreitete und auch überall akzeptiert worden sei. "Der Grund dafür war recht einfach: die Deutschen in ihren Siedlungsgebieten hatten einfach eine kollektive Bezeichnung gebraucht, um gegenüber den Tschechen und Slowaken, also den Tschechoslowaken mit rd. 8,7 Mio. Menschen in deren neuen nationalistischem Staate überhaupt bestehen zu können". So gesehen sei die schnelle Verbreitung eines "sudetendeutschen" Bewusstseins vor allem eine Konsequenz der deutsch-tschechischen Auseinandersetzung nach der eigenmächtigen, revolutionären Staatsgründung ohne deutsche Beteiligung gewesen. Dass die "sudetendeutsche Heimatfront" und die "Sudetendeutsche Partei" später diesen Volksgruppenbegriff übernommen hätten, sei Beleg dafür, wie in wenigen Jahren die Popularität und die Bedeutung dieser Zugehörigkeitsbezeichnung zugenommen hätten. Mit der Zeit sei dann auch der Begriff "sudetendeutsch" längst zum sprachlichen Allgemeingut geworden und bereits in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Deutschen, Tschechen und Slowaken gleichermaßen in der Umgangssprache verwendet worden. "Deshalb sind die heute in Tschechien und auch bisweilen in Deutschland leider immer noch vorhandenen Ressentiments zu dem sudetendeutschen Volksgruppenbegriff mehr als bedauerlich", resümierte der BdV-Landesvorsitzende und fügte hinzu, dass damit aber eventuell weitere Vorurteile im deutsch-tschechischen Verhältnis geschürt werden könnten. Dies könne aber nicht dem allseits wünschenswerten Zusammenleben unter europäischen Partnerländern dienen, so Siegbert Ortmann abschließend. / so

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