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Sprengschächte im Schlitzerland sollten Panzer stoppen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Schlitz - Vor 30 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt. Das war ein Glücksfall der Geschichte, denn die Pläne für den Ernstfall sahen anders aus: Davon zeugen heute noch die Spuren von Sprengschächten, die in verschiedenen Schlitzerländer Straßen eingelassen sind.

Von unserem Redaktionsmitglied Bernd Götte

„Das Schlitzerland: eine Mausefalle?“ fragte besorgt der Schlitzer Bote in seiner Ausgabe vom 3. Dezember 1983. Auf eine Anfrage in unserer Zeitung hatte der damalige Bürgermeister Siegfried Klee geantwortet, er könne selbst nicht sagen, wozu die damals stattfindenden Ausschachtarbeiten dienten.

Die Friedensinitiative Schlitz wollte damals herausgefunden haben, dass es sich bei den geheimnisvollen neuen Schächten um Sprengkammern handelte, ein Verdacht, der sich später bestätigen sollte. Nahezu sämtliche Zufahrtsstraßen im Schlitzerland waren mit mehreren solcher Schächte bestückt.

Zerstörung der Zugangsstraßen

Lediglich im Kreutzersgrund Richtung Bad Salzschlirf gab es nach aktuellen Informationen keine solchen Schächte. Im Kriegsfall wären diese dann in die Luft gesprengt worden, um die Zugangsstraßen zu zerstören. Damit sollte ein eventueller Vormarsch von Truppen des Warschauer Paktes gebremst werden. Somit sahen sich die Friedenaktivisten in Schlitz in einer „Mausefalle“ .

Strategen der NATO rechneten damals damit, dass in einem Kriegsfall der Hauptstoß des Warschauer Paktes über Osthessen erfolgen werde: Der US-Stützpunkt Point Alpha galt damals als der gefährlichste Punkt im Kalten Krieg in Europa und das zu dieser Zeit bekannt gewordene Szenario „Fulda Gap“ führte aus, dass bei einem massiven sowjetischen Einmarsch in die Region die USA vor Ort Atombomben einsetzen wolle.

„Der Spiegel“ recherchierte

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte damals recherchiert, dass als ein besonders günstiger Punkt für den Einsatz einer Atombombe das Hattenbacher Dreieck ausgewählt worden war. Aus diesem Grund vermutete die Friedensinitiative Schlitz, dass dort möglicherweise auch Atomminen platziert worden wären.

Der osthessische Historiker Matthias Schweimer, der sich mit Sprengschächten im fuldischen Teil des Vogelsberges beschäftigt hat, hält diese damals gehegte Befürchtung aber für unbegründet: „Es hätte gar keinen Sinn ergeben, das eigene Land zu verseuchen“. Trotzdem: die atomaren Einsatzpläne lagen auch ausweislich der Darstellung der Gedenkstätte Point Alpha schon in den Schubladen der NATO-Befehlshaber.

Weg zu den Autobahnen sollte blockiert werden

Eine inoffizielle Karte aus dieser Zeit zeigt zehn Sprengfallen im Untergrund, die den Weg Richtung Bad Hersfeld versperren sollten. Sieben waren in Richtung Fulda angebracht und eine in der Nähe von Willofs. Strategisch wichtig war es wohl, den Weg zu den Autobahnen zu blockieren.

Nach Beobachtung der Friedensinitiative Schlitz waren die Verschlüsse dieser Sprengkammern leicht von herkömmlichen Gummideckeln zu unterscheiden. Ein Metallkreuz mit einer Sechskantschraube in der Mitte sollte sie verraten.

Gefahr war gebannt

Die Bohrung solcher Schächte wurden im Schlitzerland noch bis Ende der 80er Jahre beobachtet. Dr. Volker Puthz beschrieb am 25. Juni 1988 im Schlitzer Boten entsprechende Beobachtungen in der Nähe von Hartershausen. „... ja was bringen sie denn? – den militärischen Fortschritt, die tödliche Sicherheit oder den verteidigten Wahnsinn?“ fragte er damals in einem Leserbrief. Die Frage bleibt wohl unbeantwortet – glücklicherweise. Der Kalte Krieg endete ein gutes Jahr später. Die Gefahr einer militärischen Konfrontation war gebannt.

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