Foto: Daniela Petersen

Urteil im Würth-Prozess rechtskräftig: Früherer Angeklagter ist ein freier Mann

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Schlitz - Vor genau zwei Jahren hat die Polizei einen Mann festgenommen, der an der Entführung des geistig behinderten Milliardärssohns Markus Würth beteiligt gewesen sein soll. Acht Monate später wurde er am Landgericht Gießen freigesprochen. Staatsanwaltschaft und Nebenklage sind in Revision gegangen. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat die Revision verworfen.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniela Petersen

Der Freispruch ist rechtskräftig, die Revision wurde verworfen: Der BGH konnte keine Rechtsfehler beim Urteil feststellen. Das ist das Ende eines Indizienprozesses, der am 21. Juni 2018 am Landgericht Gießen begann.

Mittäter wurden nie gefasst

Angeklagt war ein damals 48-jähriger Serbe aus Offenbach. Ihm wurde vorgeworfen, am 17. Juni 2015, Markus Würth, den geistig behinderten Sohn des Unternehmers Reinhold Würth, vom Hofgut Sassen bei Schlitz entführt zu haben. Der Angeklagte soll noch Mittäter gehabt haben, diese wurden aber nie gefasst.

20 Stunden lang bangte die Familie Würth um das Leben ihres Sohnes, eine Lösegeldforderung in Millionenhöhe war bereits eingegangen. Schließlich erhielt die Polizei den Hinweis auf den Aufenthaltsort des Opfers. Und der damals 50-jährige Markus Würth konnte gefesselt, aber unverletzt in einem Waldstück bei Würzburg aufgefunden werden.

Stimmprobe führt zum Angeklagten

Eine Stimmprobe des Entführers führte schließlich zu dem Angeklagten. Und diese Stimmprobe war es auch, die im Prozess eine wichtige Rolle spielte und Hauptbeweismittel war. Experten der Uni Marburg kamen zu dem Schluss, dass die Stimme des Entführers und des Angeklagten „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ übereinstimmen.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Jost Holtzmann ging im Urteil jedoch davon aus, dass die Sprachwissenschaft in dem Fall an ihre Grenzen gestoßen sei. Der Richter erklärte damals: „Der bloße Gleichklang genügt nicht zur Identifikationsfindung, so lange nicht sicher ist, dass die Stimmgebung einzigartig ist. Die Stimme ist lebendig und kann sich im Laufe des Lebens verändern. Sie ist nicht statisch wie ein Fingerabdruck oder die DNA einer Person.“

Datenbank mit 350 Stimmen

Außerdem sei die Datenbank mit 350 Stimmen von Männern, die alle aus dem Balkanraum kommen, als Diagnoseinstrument nicht brauchbar, weil nur diejenigen erfasst wurden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in Sachsenhausen gelebt haben – dort, wo das Handy des Täters geortet worden war. Die Zahl der Stimmen, die nicht gehört wurden, oder nicht gehört werden konnten, sei zu groß, begründete Holtzmann den Freispruch.

Die Staatsanwaltschaft sah das anders und kündigte noch am Tag des Urteils an, in Revision zu gehen. „Wir sind davon ausgegangen, dass die vorhandenen Beweismittel für eine Verurteilung ausreichen“, erklärt Ruven Spieler, stellvertretender Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Gießen.

Fall ist weiterhin ungeklärt

Die Staatsanwaltschaft forderte damals eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren. Mit der Revision ging die Staatsanwaltschaft bis zur letzten Instanz. Am 3. Dezember 2019 entschied der Bundesgerichtshof, dass der Freispruch rechtskräftig ist.

Der Angeklagte erhält für die acht Monate in Untersuchungshaft finanzielle Entschädigung. Der Fall ist weiterhin ungeklärt. Dass die Revision vom BGH verworfen wurde, akzeptiere die Staatsanwaltschaft: „Das müssen wir auch. Wir können dagegen nicht weiter vorgehen“, sagt Spieler.

Das könnte Sie auch interessieren