Aus dem ärztlichen Ruhestand zurück in die Praxis: Monika Kernich und Peter Schnepp helfen im Medizinischen Versorgungszentrum Vogelsberg aus.
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Aus dem ärztlichen Ruhestand zurück in die Praxis: Monika Kernich und Peter Schnepp helfen im Medizinischen Versorgungszentrum Vogelsberg aus.

Böhm geht im Mai

Zwei Ärzte unterbrechen ihren Ruhestand: Monika Kernich und Peter Schnepp helfen im MVZ Vogelsberg aus

  • Walter Kreuzer
    vonWalter Kreuzer
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Das ist ein Paukenschlag: Dr. Peter Schnepp kehrt aus dem Ruhestand zurück und wird Arzt im Medizinischen Gesundheitszentrum (MVZ) Vogelsberg – wenn auch nur vorübergehend. Dort wird er Nachfolger seines Nachfolgers Dr. Andreas Böhme. Neben Schnepp wird auch seine Lebensgefährtin Dr. Monika Kernich beim MVZ aushelfen.

Freiensteinau - Peter Schnepp ist im Blauen Eck eine Institution. Fast vier Jahrzehnte lang ist er hier als Hausarzt tätig, lange zusammen mit seiner Frau Gislinde, später mit Andreas Böhme. Der übernimmt schließlich 2010 die Praxis als Schnepp in Ruhestand geht. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Schnepp bereits seit acht Jahren um einen Nachfolger bemüht. In Freiensteinau wird der Bau eines Ärztehauses diskutiert, das nie über das Stadium einer Idee hinauskommt.

Mit der nach erfolglosen Anläufen und Verzögerungen erfolgten Gründung des MVZ Vogelsberg, gemeinsam durch die Gemeinden Freiensteinau und Grebenhain sowie dem Vogelsbergkreis, scheint die medizinische Versorgung im Blauen Eck gesichert. Allerdings fällt es noch immer schwer, die ausgeschriebenen Stellen mit Medizinern zu besetzen.

Vogelsberg: Zwei Ärzte unterbrechen Ruhestand, um im MVZ auszuhelfen

Nun bahnt sich ein Personalnotstand an. Der Grund: Dr. Böhme verlässt das MVZ – und das schon Mitte Mai. Noch in der vergangenen Woche wiegelt MVZ-Geschäftsführer Ulf Werner ab. Auf das Alter von Böhme angesprochen – er vollendet demnächst sein 66. Lebensjahr – will er von dessen bevorstehendem Abschied nichts wissen. Auf potenzielle Nachfolger angesprochen, kommt nur der allgemeine Hinweis, dass das MVZ weitere Ärzte sucht. (Lesen Sie hier: Neue Räume für das MVZ wohl erst 2022: Neubau in Freiensteinau verzögert sich)

Tatsächlich dürfte zu diesem Zeitpunkt bereits klar gewesen sein, dass sich eine gewaltige Lücke in der medizinischen Versorgung der Bürger von Freiensteinau und Umgebung – das Einzugsgebiet des MVZ reicht weit ins Steinauer Stadtgebiet hinein – auftun wird. Von den vier Allgemeinmedizinern sind mit Stephanie Darmstadt und Dr. Thorsten Kramm zwei am Standort Grebenhain gebunden.

Personalien

Dr. Peter Schnepp lebt seit 1972 in Freiensteinau. Damals kam er mit seiner 2013 verstorbenen Frau Gislinde, die ebenfalls Allgemeinmedizinerin war, ins Blaue Eck. Das Paar übernahm die Praxis. Vietor und führten diese 32 Jahre lang gemeinsam. Schnepp stammt aus Idar-Oberstein und studierte in Gießen Medizin. Ende 2009 ging er im Alter von 67 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand.

Dr. Monika Kernich ist in Hünfeld aufgewachsen und kam 1972 nach Mannheim, wo sie einen Wohnsitz hat. Sie studierte in Heidelberg Medizin und ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie arbeitete als Klinikärztin am Psychiatrisches Zentrum Nordbaden in Wiesloch.

In Freiensteinau hat sich für Viola Aulbach mit dem Übergang der Hausarztpraxis von Böhme zum MVZ vor allem der Arbeitgeber geändert. Böhme dagegen wechselt Anfang 2021 von der Selbstständigkeit ins Angestelltenverhältnis. „Die Unselbstständigkeit als Angestellter wird für viele Ärzte ein Problem sein, wenn sie zuvor eine eigene Praxis geführt haben. In einem MVZ zieht der Geschäftsführer die Strippen“, vermutet Schnepp mit Blick auf seine Berufskollegen.

Peter Schnepp: „Wir geben unser freiheitliches Leben auf“

„Man hat mich gebeten, auszuhelfen. Der Kollege hat gekündigt“ sagt der 78-Jährige, den zahllose Erinnerungen mit Generationen von Patienten aus dem Blauen Eck verbinden. „Das MVZ hat für September eine Ärztin in Aussicht“, ergänzt er. Diesen zeitlichen Horizont unterstreicht auch Dr. Monika Kernich: „Unser Engagement ist vorübergehend – das ist wichtig. Für diese Überbrückungshilfe sind wir gerne bereit, um den bevorstehenden Engpass aufzulösen.“ Ohne Ersatz für Böhme müsste Aulbach die Praxis alleine stemmen. Schnepp: „Das wäre nicht zu schaffen. Das ist ein echter Notstand. Wir geben unser freiheitliches Leben auf.“

Doch kann ein Arzt, der jahrelang nicht praktiziert hat, so einfach in seinen Beruf zurückkehren? „Ein MVZ hat da einen gewissen Spielraum, weil die Ärzte dort angestellt sind und es hier um eine Vakanzbeauftragung geht. Die Kassenärztliche Vereinigung muss aber Grünes Licht geben“, erläutert der Allgemeinmediziner. „Wir gehen mit Schwung und Interesse an die Sache“, sagt er, um dann einzuschränken: „In dem Alter wird man ein bisschen müde. Irgendwann reicht es dann auch.“

Das bedeutet unter anderem, dass Schnepp und Kernich sich keine 40-Stunden-Woche oder gar mehr zumuten möchten. Kernich: „Wir werden stundenweise bei Bedarf eingesetzt, die Rede ist von etwa 15 Stunden in der Woche. Zu unseren Aufgaben werden die Altenheimversorgung und Hausbesuche gehören – und wir werden Nothelfer sein, wenn es brennt.“

Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit soll zunächst aber auf einer Impfaktion liegen, wie Schnepp sagt: „Wenn genügend Impfstoff da ist, soll es im Mai richtig losgehen. Wir werden die gesamten Patienten impfen. Das sind mehrere tausend Personen. Das muss neben dem Praxisbetrieb laufen.“

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