Heiko Müller hat seine Bäckerei und seinen Lebensmittelladen in Crainfeld geschlossen.
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Heiko Müller hat seine Bäckerei und seinen Lebensmittelladen in Crainfeld geschlossen.

Nach 73 Jahren

Bäckerei Müller in Crainfeld schließt - Inhaber nennt gesundheitliche Gründe

Nach 73 Jahren war Anfang Dezember Schluss: Mit der Bäckerei Müller hat eine Institution im 400 Einwohner zählenden Grebenhainer Ortsteil Crainfeld nun für immer geschlossen. Damit ist auch das „Crainfelder Bauernbrot“ Geschichte.

Crainfeld - An den letzten Öffnungstagen herrschte noch einmal ein reges Kommen und Gehen im Laden an der Straßenkreuzung. „Viele Leute kommen noch einmal, um Brot zu holen, zum Teil gleich fünf oder zehn Stück, und bis aus Wächtersbach. Unser Crainfelder Bauernbrot ist eine ausgewiesene Spezialität“, sagt Inhaber Heiko Müller.

„Ich schaffe es nicht mehr“, bringt Müller die gesundheitlichen Rücksichten auf einen kurzen Nenner, die ihn zur Aufgabe zwingen. Denn der 51-jährige Familienvater ist seit einigen Jahren an Multipler Sklerose (MS) erkrankt und hat zwischenzeitlich außerdem eine Thrombose und eine Lungenembolie erlitten. Mehrere Operationen musste er deshalb über sich ergehen lassen. „Für mich stellt sich die Frage: Schaffe ich das bis 67? Was mache ich, wenn es schlechter wird? Meine Eltern sind ja auch schon 75 Jahre alt“, hat er lange mit sich gerungen – und eine nicht einfache Entscheidung getroffen.

Vogelsberg: Bäckerei Müller in Crainfeld schließt nach 73 Jahren

Eine Entscheidung, die auch für seine Belegschaft einen Umbruch bedeutet. Zeitweise waren bis zu 20 Personen in der Bäckerei und dem angeschlossenen Edeka-Laden angestellt: „Wir haben viele Leute, die 30 Jahre bei uns waren.“ Die ersten haben die Bäckerei aufgrund der seit einigen Monaten feststehenden Schließung bereits verlassen. (Lesen Sie hier: Keine Schuhe mehr von Steins: Traditionsgeschäft in Schlitz schließt)

„Man findet schnell einen Job, wenn man bei uns war, denn wir haben einen guten Ruf“, ist Heiko Müller um die berufliche Zukunft seiner Leute nicht bange. Er selbst hat auch schon Überlegungen angestellt, wovon er künftig leben wird. Er hat sich bemüht, einen Interessenten zu finden, der Bäckerei und Laden übernehmen könnte – doch ohne Erfolg.

Im Endspurt hatte der Bäcker noch mehr als genug zu tun. Allein ein Kunde hatte gleich 100 Brote und zusätzlich noch Kuchen geordert. Offenkundig wollten viele noch einmal die handwerklichen Backwaren aus Crainfeld (Vogelsbergkreis) genießen. „Es gibt viele Leute, die sagen: Euer Brot ist das einzige, was ich vertrage“, so Müller.

„Crainfelder Bauernbrot“ ist Geschichte: Inhaber schließt Laden aus gesundheitlichen Gründen

Tatsächlich beruhten die Brote und Kuchen auf individuellen und teilweise lange überlieferten Rezepten. Das bekannte Crainfelder Bauernbrot, mit dem die Firma seit Jahrzehnten geworben hat, war nur eine davon. Zeitweise waren 25 verschiedene Brotsorten und 20 unterschiedliche Brötchensorten neben Torten und Kuchen im Angebot.

Die jetzt zu Ende gegangene Erfolgsgeschichte der Bäckerei Müller begann vor 73 Jahren mit dem „Kopfgeld“, jenen 40 D-Mark, die am 20. Juni 1948 bei der Währungsreform an jeden Bürger ausgezahlt worden war. Dieses Geld wurde zum Startkapital für das Firmengründerpaar Marie und Heinrich Müller. Beide stammen aus Crainfeld. Schon die Großeltern von Marie hatten in den 1880er Jahren einen Gemischtwarenladen betrieben – Vorläufer des künftigen Ladengeschäfts. (eig)

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