Voller Hingabe und Enthusiasmus gehen Christiane Schleinig und Marco von Känel in ihrer Aufgabe als Skuddenschafhalter auf.
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Voller Hingabe und Enthusiasmus gehen Christiane Schleinig und Marco von Känel in ihrer Aufgabe als Skuddenschafhalter auf.

Schaf-Zucht in purer Idylle

Paar kämpft mit harter Arbeit gegen das Aussterben der Skudden

„Schnuffel!“, „Schnuffel!“ Laut gehen die Rufe von Christiane Schleinig bis ganz oben auf den Berg - dort, wo die mächtige alte Eiche wohltuend ihren Schatten über der kleinen Flaschenlammherde ausbreitet.

Von Margret Perkuhn

Ermenrod - Mittendrin hat sich das lustige schwarz gelockte Schäfchen Schnuffel versteckt. Zur Rasse der Skudden gehört es, eine besonders robuste, wenig mit Klauenkrankheiten befallene, aber vom Aussterben bedrohte Landschafrasse. Eher klein, bis zu 60 Zentimeter hoch, mit „gerillten“ Hörnern, die teilweise schwungvoll und äußerst dekorativ gebogen sind.

105 Tiere leben im "Himmel voller Skudden": Seit 2017 züchtet das verlobte Paar

46 Stufen zählt die steile alte Steintreppe, die vom Haus „in den Himmel voller Skudden“ führt. Seit 2017 betreiben Christiane Schleinig und ihr Verlobter Marco von Känel ihre Skudden-Zucht mit inzwischen 105 Tieren in den Farben weiß, braun, schwarz, falb und wildfarben. Einige gescheckte Böcke sind darunter, mit denen allerdings hier nicht gezüchtet wird. Gehalten werden die lustigen Tiere, die ursprünglich aus ehemals Ostpreußen stammen, in Ermenrod in drei Herden: In der oben bereits genannten Flaschenlammherde, in einer Bockherde und in einer Zuchtherde gemeinsam mit dem vor Kraft strotzenden Herdbuchbock „Struppi“ als wertvollem Vererber.

Voller Hingabe und Enthusiasmus gehen Christiane Schleinig und Marco von Känel in ihrer Aufgabe als Skuddenschafhalter auf. Abgesehen von der körperlich harten Arbeit verlangt zum Beispiel das Aufziehen der „Flaschenkinder“ vollen Einsatz rund um die Uhr. Heißt: November bis etwa Ende Mai bringen Schäfer aus der gesamten Region Schaflämmchen nach Ermenrod, für die eine Amme gesucht wird.

Schleinig zieht Lämmer aus der ganzen Region auf

„Das bin ich dann“, lacht Christiane. Lämmchen sind es, die aus verschiedensten Gründen nicht von ihrer jeweiligen Mutter angenommen wurden. Etwa, wenn bei den eher selten vorkommenden Drillingen oder gar Vierlingen der eine oder andere Nachwuchs nicht versorgt werden kann von der Mutter. Aber auch Euterentzündungen, Tod der Mutter oder fehlende Muttereigenschaften können unter anderem weitere Gründe für die Flaschenaufzucht sein.

Die Rasse der Skudden ist eine besonders robuste, wenig mit Klauenkrankheiten befallene, vom Aussterben bedrohte Landschafrasse.

Alle angelieferten Lämmchen werden in die sogenannte „Flaschenlammherde“ integriert und bleiben danach im Besitz des engagierten „Selbstversorger-Paares“. Im Anfang werden die „Flaschenkinder“ tagsüber alle zwei Stunden mit einem Babyfläschchen voller Milchaustauscher versorgt, nachts alle vier Stunden. Stück für Stück verringert sich das Angebot, langsam innerhalb von zehn Wochen wird die Ammenversorgung „ausgeschlichen“. Nicht nur für die „Ammenmama“ eine knallharte Herausforderung.

Skudden arbeiten für den Erhalt der Artenvielfalt

Weiterhin versorgt werden müssen alle Skudden und anderen Schafe. Gemeinsam mit dem Lebenspartner werden Elektrozäune neu gesteckt, kontrolliert, wobei die in der Region lebende Wölfin bisher noch kein Problem war. Durchgehend müssen die Lammungen auf den Weiden genau beobachtet werden, die Mütter und vor allen Dingen die Winzlinge, die nicht nur recht weit oben auf dem Speiseplan von Krähenvögeln stehen. Teilweise beweiden die Skuddenherden derzeit von Hessen-Forst alte Streuobstwiesen, nicht zuletzt ein El Dorado für Steinkauz, Bienen und Amphibien.

Hessen-Forst seinerseits wiederum kommt die geschorene oder teilweise von den Skudden abgeworfene Wolle zugute: Frische Baumsetzlinge werden mit dieser Wolle umwickelt, das schütze die jungen Pflanzen vor Wildverbiss, erklärt Marco von Känel. Immer wieder gibt es Anfragen für das Beweiden von stark verbuschten Flächen. „Skudden dienen aufgrund ihrer Art zu grasen vor allen Dingen dem Erhalt von Artenvielfalt“, erklärt der Züchter. „Sie wuseln sich unten durch Gestrüpp durch, so dass Bodenbrüter oder andere Vögel in den Hecken sich wohlfühlen können, genauso wie auch Kreuzotter, Blindschleiche und Äskulapnatter.“ Das gesamte Jahr über leben die Skudden draußen, kleine Unterstände sorgen für Schutz.

Seit zehn Jahren ist das Paar in Ermenrod zuhause

Vor zehn Jahren kaufte das Paar das alte Bauernhaus in Ermenrod, in dem es zum Heizen nur alte Öfen gab, Elektrizität und Wasser waren vorhanden. Groß der Garten, weitläufiges 2250 Quadratmeter-Grundstück, was sich nach hinten mit Weide und Gebüsch anschließt – Arbeit ohne Ende war von Beginn an angesagt. „Ansonsten genau richtig für unseren Traum, als Selbstversorger zu leben.“ Dazu hatten sich die beiden entschlossen, nachdem sie zuletzt beruflich im Raum Marburg jeweils längere Zeit als Ernährungsberater tätig waren. Voll hineingekniet haben sie sich durch entsprechende Fortbildungen und fachspezifische Module in die Haltungsbedingungen für Schafe. Inzwischen, nach Erwerb entsprechender Sachkunde, schneiden sie sogar die Klauen der Skudden selbst.

Nicht gerne übernimmt Besitzer von Känel die Fahrt mit seinen 11 bis 17 Monate alten Skudden zur EU-zertifizierten Fleischerei nach Romrod. „Aber auf diese Weise bin ich sicher, dass die Tiere einen kurzen Transportweg haben, sie werden nicht irgendwohin weiter verkauft und sie werden ordnungsgemäß betäubt.“ So werde ihr Leidensweg so kurz wie möglich gehalten. „Sie haben eine extrem gute Fleischqualität, die von unseren Kunden sehr geschätzt wird. Somit kann man direkt vom Erzeuger kaufen und die regionale Landwirtschaft unterstützen.“

Ein Bild wie aus einem Kinderbuch

Jetzt hier auf der idyllisch gelegenen Weide hinterm Haus in Ermenrod, setzt sich „Schnuffel“ plötzlich mit fast meterhohen Riesensprüngen wie ein Blitz in Bewegung. Ja, dort wartet sie, die Ammenmama mit dem aufgewärmten Babyfläschchen in der Hand. Schwupps – ist „Schnuffel“ fest und gemütlich in ihren Arm gepackt und schmatzt gierig drauflos. Neugierig drängen weitere Lämmchen zur heiß begehrten Quelle, springen teilweise auf den Schoß, versuchen ebenfalls den Nuckel vom Fläschchen zu erhaschen. Ein Bild wie aus einem Kinderbuch. „Ähnlich, wenn wir zusammen mit unserem Hütehund einen Sonnenuntergang erleben und in dem Moment ein Lämmchen zur Welt kommt“, sagt Marco von Känel. „Dann lösen sich extreme Belastungsproben einfach auf.“

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