Katja Wasmuth von Beöczy, Silke Herwig, Axel Müller, Jörg Kraus, Rico Weißbach (von links) von der Lebensgemeinschaft standen den Besuchern für Fragen zur Verfügung. / Foto: Martin G.Günkel

Waldorfschule: Beginn zum Schuljahr 2017/2018 geplant

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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SCHLITZ - Eine Waldorfschule möchte die Lebensgemeinschaft Sassen und Richthof im Schlitzerland gründen. Die soll den Unterrichtsbetrieb laut Planung zum Schuljahr 2017/2018 aufnehmen. Vertreter der Planungsgruppe in der Lebensgemeinschaft standen bei einem Informationsabend für interessierte Eltern für Fragen zur Verfügung. Für alle, die nicht kommen konnten oder noch weitere Fragen haben, soll es einen weiteren Informationsabend geben, und zwar am Donnerstag, 21. April, um 20 Uhr – wieder im Festsaal der Lebensgemeinschaft auf dem Richthof.

Von unserem Mitarbeiter Martin G. Günkel

Zum ersten Abend waren knapp 50 Interessenten aus dem Schlitzerland, aus dem Raum Lauterbach und aus dem Raum Bad Hersfeld gekommen. Wie Axel Müller von der Planungsgruppe erklärte, wird mit einem ersten Schuljahr begonnen, eventuell auch mit einer zweiten Jahrgangsstufe. Silke Herwig, die ebenfalls der Planungsgruppe angehört, sagte, vom Schlitzerland aus müssten lange Anfahrtswege in Kauf genommen werden, um an eine Waldorfschule zu kommen. Wegen großen Interesses habe sich die Planungsgruppe gebildet. Die schloss laut Herwig einen Kooperationsvertrag mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen. Auch der Bund der Freien Waldorfschulen stehe dem Vorhaben sehr positiv gegenüber.

Der Standort soll nach Herwigs Worten im Schlitzland liegen. Wo genau, das werde aufgrund des Interesses der Eltern festgelegt. Alsfeld, Bad Hersfeld und Fulda bildeten ein Dreieck, in dessen Mitte Schlitz liege, so Herwig. Nach ihren und Müllers Worten wäre Schlitz als Standort denkbar, aber auch Niederaula.

In den ersten drei Jahren gebe es noch keine Ersatzschulfinanzierung. Danach gebe es Zuschüsse, auch rückwirkend für die Anfangsjahre. Eine Konsequenz sei, dass die Schule anfangs wahrscheinlich Räume anmieten werde, statt ein eigenes Gebäude zu bauen. Zunächst müssten Lehrergehälter, Miete, Tafeln und Möbel aus dem Schulgeld refinanziert werden. Dieses Schulgeld betrage zunächst 200 Euro. Nach dem dritten Jahr, wenn die Zuschüsse kämen, werde es neu berechnet. Die Planungsgruppe habe eine Patenschaft der Kasseler Waldorfschule. Die richte sich bei der Höhe des Schulgeldes nach dem gemeinsamen Nettoeinkommen beider Eltern. Wie Herwig betonte, können Ausnahmeregelungen vereinbart werden, wenn ein Besuch der Waldorfschule am Schulgeld scheitern würde.

Großes Interesse im Raum Lauterbach

Mehrere Besucher fragten, ob der Bestand der Schule nach einer Gründung dann überhaupt gesichert sei. „Wenn die Schule gestartet ist, dann wird sie auch nicht aufhören“, betonte Müller. Deshalb gelte es, jetzt herauszufinden, ob Interesse bestehe. Für den Anfang sollten es nicht viel weniger als 20 Schüler sein, allein schon damit das Schulgeld tragbar bleibe. „Jedes Kind mehr wäre toll. Machen Sie Werbung.“

Eine Besucherin fragte, weshalb der Schulbetrieb nicht mit einer ersten und einer fünften Klasse beginne. „Das hat finanzielle, strategische Gründe“, erklärte Axel Müller. Nach der fünften Klasse würden nämlich sehr bald Fachlehrer benötigt, und das Projekt müsse klein anfangen. Eine andere Besucherin sagte, für einen Start im Jahr 2017 seien noch sehr viele Fragen offen, allein schon wegen des Standorts.

Eine dritte Besucherin sagte, es gebe großes Interesse an einer Waldorfschule im Raum Lauterbach. „Wir wären sicherlich bereit, nach Schlitz zu gehen“, so Müller. Es gehe bei der Schulgründung auch darum, vom Schlitzerland aus nicht mehr nach Loheland fahren zu müssen. „Mit einer Schule in Lauterbach bestünde das Problem weiter.“ Freilich müsse die Planungsgruppe neu nachdenken, wenn 150 Interessenten aus Lauterbach kämen und nur 20 aus Schlitz.

„Der Wille ist da. Das Unwägbare ist: Wie viele Schüler kommen?“, so Müller. Beim Schulamt sei eine Schule bis zum Abitur beantragt. Wichtig sei, dass die Schule in kleinen Schritten aufgebaut werde. „Die Schulen, die zu schnell wachsen – denen tut das nicht gut. Da bleibt die Waldorf-Pädagogik auf der Strecke“, so Müller. Nicht schnell zu wachsen, bedeute, nicht um jeden Preis zweizügig zu arbeiten. Wenn es aber eine erste Klasse gebe, dann werde es entsprechend später auch eine fünfte geben. Die ersten zwei Klassen könne man auch zusammenfassen. „Das bringt keine Nachteile mit sich.“

Chancen auf dem Arbeitsmarkt in bestimmten Branchen sogar besser

Die Suche nach einem Gründungslehrer dauere an, nachdem eine Gründungslehrerfamilie abgesprungen sei. Der Bund der Freien Waldorfschulen und auch die Landesarbeitsgemeinschaft seien bei der Suche behilflich. Für die Verwaltung werde in den ersten drei Jahren niemand eingestellt, sondern das werde die Lebensgemeinschaft mit erledigen. Nach der Anfangsphase jedoch solle die Schule eigenständig werden, die Lebensgemeinschaft ziehe sich dann zurück.

Auch die Frage nach Chancen von Waldorfschülern auf dem Arbeitsmarkt beschäftigte einige Besucher. „Der Anschluss in die freie Wirtschaft muss gegeben sein“, so Silke Herwig. In bestimmten Berufen gehe es stark um Menschliches und Soziales, und da werde seit einigen Jahren oft Waldorfschülern der Vorzug gegeben. Ein Besucher erklärte, er habe selbst eine Waldorfschule besucht: „Wir sind gut damit gefahren, dass wir Waldorfschulabschlüsse haben.“ Axel Müller fügte hinzu, immer häufiger werde darauf hingewiesen, dass Waldorfschüler selbstbewusster, willensstärker und reifer seien.

Müller wies auch darauf hin, dass eine Waldorfschule eine Solidargemeinschaft sei. In ihr gelte es, miteinander gegenseitiges Vertrauen zu erarbeiten. „Konflikte kann man lösen, wenn man sich zu ihnen in ein Verhältnis setzen kann.“ Zu Beginn hatte Axel Müller die Waldorf-Pädagogik skizziert. „In diesem Unterricht geht es eigentlich um Menschenbildung und nicht um Wissensvermittlung. Am Ende kommen aber Menschen heraus, die wollen etwas.“ Lernen für das Kurzzeitgedächtnis im Hinblick auf die nächste Prüfung habe keinen langfristigen Effekt. Wissen dagegen, das man sich sorgsam und mit Willen angeeignet habe, bleibe.

Auch Abitur ist möglich

Lehrer von Waldorfschulen gingen mit den Lehrplänen frei um, und eventuell müssten die Lehrpläne – passend zu den Schülern – geändert werden. In den ersten acht Jahren gebe es ein und denselben Klassenlehrer. Die Schüler sollten Autorität achten lernen – wobei es am Lehrer liege, ob er geachtet werde. „Urteilsfindung ist an der Reihe, wenn man richtig über die Dinge nachdenken kann“, so Müller. In der Oberstufe gehe es dann darum, wissenschaftliches Denken zu entdecken.

Ein Ziel der Waldorf-Pädagogik sei es, „dass der Mensch sich zur Verfügung hat“, dass er auf seine geistigen, seelischen und körperlichen Fähigkeiten zurückgreifen könne. Deshalb betreibe die Waldorfschule auch keine Auslese. Dass man nach den zwölf Jahren für den Waldorfschulabschluss auch ein Abitur ablegen könne, sei eigentlich ein Zugeständnis. Wichtig sei auch, dass sich Eltern für die Schule interessierten und sich einmischten, statt sich einfach so darauf zu verlassen, dass schon alles richtig gemacht werde, unterstrich Müller.

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