Die angeblich größte Kerze der Welt leuchtet in Schlitz (Vogelsbergkreis, Hessen) nach der Eröffnung des Weihnachtsmarktes. / Archivfoto: Arne Dedert/dpa

Weihnachtsgrußwort: Schlitzer Bürgermeister äußert seine Sorgen

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Schlitz - Stadtverordnetenvorsteher Walter Ritz und Bürgermeister Hans-Jürgen Schäfer haben sich in einem Weihnachtsgrußwort an die Schlitzer gewandt. Darin kritisieren sie unter anderem den Konsum-Wahnsinn zu Weihnachten und den heutigen Umgang mit kleinen Kindern.

"Weihnachten denken wir an den bescheidenen, ärmlichen Stall von Bethlehem, das Christkind und den Friedensfürst, den Gott uns auf die Erde geschickt hat", schreiben die Politiker. "Weihnachten 2014 sieht leider etwas anders aus. Wir sind nicht mehr bescheiden, sondern Überfluss, Konsum und Kaufrausch bestimmen das Weihnachtsfest und Stress pur. Kaum einer kommt zur Ruhe."

Die Politiker weiter: "Wir leben zwar in Frieden, aber nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt herrscht Krieg. Frauen bangen um das Leben ihrer Männer und Kinder. Terroranschläge auf der ganzen Welt machen Angst und traurig. Es geht in der Welt alles andere als friedlich zu."

Ritz und Schäfer: "Ja, und das Christuskind, das sich in einfachen Windeln im Stroh wohlfühlte, gibt es das im übertragenen Sinne noch? Wir muten unseren Kindern heute wahnsinnig viel zu – Lernstress, Leistungsdruck und Terminstress. Sie werden von einem Termin zum anderen gehetzt und Eltern und Großeltern fühlen sich oft wie Taxiunternehmer.

Einjährige können heute in den Kindergarten gebracht werden. Es gibt Situationen, wo dies unumgänglich ist und wo auch geholfen wird. Wir kennen aber auch Situationen, wo Eltern zu Hause sind, und es nur darum geht, die Kinder zu Gunsten der eigenen Freiheit los zu werden. Und wir kennen leider Fälle, wo es angebracht ist, Kinder im Kindergarten zu betreuen, als sie in der Obhut der Eltern zu belassen.

Das macht traurig. Da fragt man sich, in welcher Welt leben wir eigentlich. Was läuft hier schief? Das Kind von Bethlehem würde verständnislos den Kopf schütteln und familiäre Geborgenheit und Behütetsein anmahnen. Die Betreuung von Kindern und Jugendlichen hat in Schlitz einen ganz hohen Stellenwert und es wird sehr viel Geld dafür ausgegeben; rund 1,9 Millionen Euro im Jahr.

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen sich in vorbildlicher Weise mit viel Hingabe um die Kinder und Jugendlichen. Dafür gebührt ihnen gerade zum Jahresende ein großes Dankeschön. Wir wollen, dass unsere Stadt eine kinder- und familienfreundliche Gemeinde ist, wo Familien gerne leben und sich wohlfühlen und bleiben wollen. Wenn es uns nicht gelingt die Abwanderung in die großen Städte zu bremsen, dann werden wir im ländlichen Raum keine Zukunftschancen mehr haben. Das wollen wir nicht und das bereitet uns große Sorgen."

Außerdem heißt es in dem Grußwort: "Ernstzunehmende Wissenschaftler an mittelhessischen Hochschulen entwickeln Modelle, wie im ländlichen Raum die Infrastruktur zurückgebaut werden kann. Das ist doch aberwitzig. Man sollte sich viel mehr Gedanken darüber machen und Modelle entwickeln, wie man die Menschen im ländlichen Raum halten kann. Das ist die Herausforderung. Wir auf der örtlichen Ebene stellen uns gerne dieser Herausforderung, aber wir fordern dabei auch energisch die Unterstützung von Bund und Land.

Gerade zu Weihnachten sollte man einmal darüber nachdenken, wie viel sozialer Zusammenhalt unsere Dörfer und unsere kleine Stadt bieten, wie viel nachbarschaftliche Hilfe und Fürsorge vorhanden ist, was Familien, vereint unter dem Weihnachtsbaum, für einen Halt geben können und wo Einsame und Alleinstehende durch Freunde und Nachbarn aufgefangen werden. Das gibt es in keiner Großstadt. Und deshalb geben wir unseren ländlichen Raum nicht auf und deshalb arbeiten wir jeden Tag für unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger und für unsere gemeinsame Zukunft.

Das Licht unserer großen Kerze strahlt über das Land und gibt Hoffnung, Zuversicht und Kraft. Wir wünschen Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2015 bei bester Gesundheit und in einer hoffentlich friedvollen Welt." / rsb

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