Weihnachten im Unterstand. / Foto: Volker Puthz

Zwischen Siegeszuversicht und Friedenssehnsucht: Weihnachten 1914 bis 1918

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Schlitz - In diesem Jahr, in dem sich der Ausbruch des 1. Weltkrieges zum hundertsten Mal jährt, wird vielfach zurückgeblickt. Augenzeugen sind nicht mehr am Leben, weshalb wir auf Erzählungen unserer Väter und Großväter angewiesen sind, die ihre Erinnerungen aber auch schon aus zweiter Hand haben. Wir blicken deshalb in unsere Heimatzeitung.

Es kann nicht schaden, einmal in die Weihnachtszeit der Jahre des 1. Weltkrieges zurückzublicken, besonders heute, wo viele von uns gar nicht mehr wissen, mit welchen Problemen unsere Voreltern zu kämpfen hatten. Wir blättern deshalb im „Schlitzer Boten" der Jahre 1914-1918 und richten unser Augenmerk auf die Stimmung und auf Lebensumstände vor Ort. Die große Politik klammern wir dabei aus und gehen auch nicht auf die Todesanzeigen der Gefallenen Mitbürger ein. Das erste Jahr

In den Berichten unter der Rubrik „Aus Stadt und Land", in der wir Aktuelles aus Schlitz lesen, finden wir meist zuerst Angaben über Ernennungen und Ordensverleihungen, von denen wir hier nur ein Beispiel vom 5.12.1914 bringen: Verdiente Auszeichnung. Einer unserer Vaterlandverteidiger, der kürzlich mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnete Kriegsfreiwillige und Unteroffizier d. Res. F. W. schreibt an seine Angehörigen: „Am 29. Oktober habe ich das Eiserne Kreuz bekommen. Gestern und vorgestern war ich in der Infanterie als Beobachter für drei Artillerieregimenter. Gestern wurde meine Stellung durch Granaten beschossen. Die einzige, die mir hätte schaden können, war ein Blindgänger, d. h. sie explodierte nicht. Ich sollte wegen meiner gefährlichen Beobachtungen das Eiserne Kreuz schon lange bekommen und mit mir manch anderer, aber wegen einer Tat, die ich gleich beschreibe, erhielt ich es vor allen andern. Am 26. Oktober bemerkte ich, als ich abends um halb 6 aus der Kirche trat, wie auf der Hauptstraße viele Infanteristen herumliefen. Schnell sprang ich hin und rief: „Was ist denn los?" Darauf die Antwort: „Die Engländer sind durchgebrochen und verfolgen uns!" „Und da lauft ihr Kerls zurück und laßt vorn die Artillerie allein?" erwiderte ich, weil ich in einer Entfernung von etwa 100 Meter unsere Feldartillerie Salve auf Salve abfeuern hörte und dazu heftiges Gewehrfeuer. Wie wütend über das Verhalten der Infanterie stellte ich mich mitten auf die Straße, nahm anstatt mitzulaufen den Gewehrkolben nach vorn und hinderte sie weiterzulaufen. Mit großer Mühe brachte ich den Rückzug zum Stillstand und trieb die Leute wieder zurück. Inzwischen war mein Leutnant aus der Kirche getreten, mit dessen Hilfe wir 200-300 Mann, bei denen alle Offiziere gefallen waren, bis vor das Dorf brachten. Viele mußten wir beim Vorbeigehen aus den Häusern holen. Inzwischen war es dunkel geworden. Vor dem Dorfe angekommen, bemerkten wir links heftig feuernde Feldartillerie und davor aus den Schützengräben auf anstürmende Engländer schießende Infanterie. Um 12 Uhr war von den Feinden, die sich in ihre Schützengräben zurückgezogen, nur wenig zu sehen. Das Feld zwischen uns und den Gegnern lag voll toter und verwundeter Engländer und Franzosen, die beim Vor- und Zurückgehen getroffen worden waren. Um etwa 1 Uhr bekam ein Mann neben mir einen Schulterschuß. Da ich so wieso die ganze Nacht nicht im Schützengraben bleiben wollte und auch inzwischen ein Offizier und ein Feldwebel meinem Trupp zugeteilt waren, brachte ich den Verwundeten unter dichtem feindlichen Gewehrfeuer zur nächsten Verbandstelle. Um 4 Uhr nachts kam ich endlich in mein Quartier, und den nächsten Morgen um 6 Uhr mußte ich wieder auf meinem Posten sein. Der Leutnant hatte die ganze Geschichte meinem Hauptmann erzählt. Er ließ mich im Laufe des Tages noch zu sich kommen und sich nochmals alles von mir erzählen. Ich bekam natürlich mein Lob weg und nach drei Tagen hatte ich das Eiserne Kreuz." Am 9. Dezember meldet die Zeitung, dass „ungefähr 200 große und kleine Pakete mit Liebesgaben (...) an die einzelnen Adressen unserer Soldaten gesandt worden" sind. Die Kriegsorden Gefallener sollen nach einer Bestimmung des Kaisers bei deren hinterbliebenen Angehörigen verbleiben. In Pfordt fand eine besonders ernste Totengedächtnisfeier statt. „Allein 4 Söhne unseres Orts (haben) auf französischem Boden ihr Leben fürs Vaterland geopfert". Es „beweise doch gerade ihr freudiger Heldentod, daß eines Deutschen Vaterlandsbegeisterung, Liebe und Opfermut für Angehörige und Heimat, Pflichtgefühl und Gottesgehorsam auch im Kugelregen und Todesleiden stärker und größer seien als der Tod, den sie ja nicht fürchteten." „Wie sollen wir in diesem Jahre Weihnachten feiern?" fragt der „Schlitzer Bote" am 12. Dezember (s. das Faksimile): ernst und doch freudig, lautet die Antwort. Am 19.12. wird aus Fraurombach gemeldet, dass sich die Jugend der drei Gemeinden Hutzdorf, Sandlofs, Fraurombach und Pfordt zur militärischen Vorbereitung treffen und gemeinsame Übungen abhalten. „Möchte die treudeutsche Gesinnung, welche die Veranstaltungen zuwege bringt, zu immer herzlicherer Blüte gedeihen!" Am selben Tag wird stolz gemeldet, dass fast ganz Belgien besetzt sei.

Das könnte Sie auch interessieren